Dr. Annika Wellmann-Stühring

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Wissenschaftliche Mitarbeiterin
Deutsches Hygiene-Museum
Biographie: 

Annika Wellmann-Stühring studierte Geschichte, Politikwissenschaft und Englische Literatur- und Kulturwissenschaft in Hannover und Liverpool. Sie promovierte 2009 an der Universität Zürich mit einer Arbeit zur medialen Sexualberatung im späten 20. Jahrhundert. Auf ein Postdoktorat an der Universität Bielefeld folgte ein wissenschaftliches Volontariat am Historischen Museum Hannover. Seit 2013 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin im Verbundprojekt „Anthropofakte. Schnittstelle Mensch“ am Deutschen Hygiene-Museum.

Forschungsinteressen: Sexualitäts- und Körpergeschichte, Medien- und Wissensgschichte, Geschichte und Theorie des Sammelns und Archivierens

Veröffentlichungen (Auswahl):

  • Theorie der Archive – Archive der Macht. Aktuelle Tendenzen der Archivgeschichte, in: Neue Politische Literatur 57 (2012), Nr. 3, S. 385-402.
  • Beziehungssex. Medien und Beratung im 20. Jahrhundert, Köln/Weimar/Wien: Böhlau 2012.
  • Fragen Sie Dr. Sex! Ratgeberkommunikation und die mediale Konstruktion des Sexuellen, hg. zus. m. Peter-Paul Bänziger, Stefanie Duttweiler, Philipp Sarasin, Berlin: Suhrkamp 2010.

Beiträge

Ein sächsischer Landwirt, der im Zweiten Weltkrieg sein rechtes Bein verloren hatte, legte einen Stelzfuß an, wenn er seiner Arbeit nachging. Die robuste Holzprothese tat viele Jahre ihren Dienst. Wir wissen lediglich von einer einzigen Last, die der Landwirt mit ihr hatte: Der lederne Schaft, der seinen Amputationsstumpf umfing, weitete sich mit der Zeit. Die Prothese saß daher nicht mehr gut. Der Landwirt musste nun zusätzlich Stumpfstrümpfe anziehen, um den zuverlässigen Sitz seines Arbeitsbeins zu sichern.

Eine Szene aus einem Stummfilm: Am Rande eines Nadelwaldes stehen fünf Männer nebeneinander. Ihre schlecht sitzenden Uniformen hängen an diesem und jenem herunter wie alte Kittel. Unterhalb ihrer linken Oberschenkel klaffen Freiräume. Bei näherem Hinsehen zeigt sich, dass Schuhe und Schenkel durch Metallgestänge verbunden sind: provisorische Prothesen, die darauf hinweisen, dass die Beine erst kürzlich amputiert worden sind. Die Einbeinigen sind zu einem speziellen Appell angetreten.

Die Idee, Kinder mit Prothesen auszustatten, ist noch jung. Die Prothetik konzentrierte sich bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts auf Erwachsene, denn diese waren aufgrund von Arbeitsunfällen und Kriegsverletzungen häufiger von Amputationen betroffen als Kinder. Allerdings kamen mitunter Kinder mit fehlgebildeten Gliedmaßen zur Welt oder verloren durch Unfälle Arme oder Beine. In der Medizin herrschte jedoch die Meinung vor, Kinder würden Prothesen nicht verwenden und zudem zu rasch aus ihnen herauswachsen.

Vor dreieinhalb Jahren fuhr M. in eine osteuropäische Metropole, um sich dort in einer Klinik die Brüste vergrößern zu lassen. Bereits wenige Monate nach dem Eingriff geriet der französische Hersteller ihrer Silikonimplantate international in die Schlagzeilen: Poly Implant Prothèse (PIP) hatte billiges Industriesilikongel verwendet, das für Brustimplantate nicht zugelassen war. In vielen Fällen waren die Kissen gerissen und hatten Entzündungen verursacht – allein in Frankreich wurden bis Ende 2012 mehr als 1.000 defekte PIP-Implantate gemeldet.

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