Überwindung der Körperlichkeit. Historische Perspektiven auf den künstlichen Körper

Ein Tagunsbericht zu Tagung des Aachener Kompetenzzentrum für Wissenschaftsgeschichte, RWTH Aachen am 15.11.2013.

Technologien, die der Wiederherstellung, Verbesserung und Steigerung körperlicher Eigenschaften und Fähigkeiten dienen, erscheinen heute allgegenwärtig. Diese Beobachtung sowie die Vermutung, dass die Grenzen zwischen Körper und Technik verwischen, nahmen die Veranstalterinnen und Veranstalter der Tagung zum Anlass, Formen, Kontexte und Effekte der »Überwindung der Körperlichkeit« zu diskutieren. Ziel war es, aktuelle Enhancement-Technologien durch einen Blick auf die Geschichte der Wechselbeziehungen von Körper und körperassoziierter Technik zu historisieren. Die einzelnen Beiträge beleuchteten Methoden und Diskurse der Verbesserung des Körpers, die Verfügbarkeit und Vermarktung von Optimierungsstrategien sowie literarische und künstlerische Interpretationen künstlicher Körper.

Die Beiträge des ersten Panels »Wiederherstellen und verbessern: Medizinisches Enhancement« widmeten sich medizinischen Zugriffen auf den Körper. THORSTEN HALLING (Ulm) skizzierte eine Geschichte der Rekonstruktion und Steigerung männlicher Potenz. Er zeigte, dass die Entwicklung operativer und medikamentöser Verfahren im 20. Jahrhundert von Diskursen der körperlichen Optimierung begleitet wurden. Maßnahmen wie die Verabreichung von Hodenextrakten und Gewebetransplantationen, die in den 1920er-Jahren neben plastisch-chirurgische Eingriffe getreten seien, hätten Verjüngung und Leistungssteigerung bezweckt. Mit der Hydraulik-Penisprothese sei Impotenz seit den 1950er-Jahren auch mechanisch behandelbar gewesen. Durch die Entwicklung vasoaktiver Stoffe, die am Ende des Millenniums vorläufig in der Markteinführung von Sildenafil (»Viagra«) gipfelte, habe schließlich eine neue Phase eingesetzt, hätten doch diese Medikamente auch auf eine Optimierung des Body-Images gezielt. Halling zeigte damit, dass sich zwischen Therapie und Enhancement nicht immer unterscheiden lasse.

Als Enhancement-Technologie lässt sich auch das Cochlear-Implantat betrachten, wie im Vortrag von BEATE OCHSNER und ROBERT STOCK (beide Konstanz) hinsichtlich der Aneignungsstrategien der Trägerinnen und Träger deutlich wurde. So könnten diese mit der Hörprothese neue Fähigkeiten erlangen, beispielsweise die Fähigkeit Gespräche über weitere Entfernungen mitanzuhören. Nutzerinnen und Nutzer würden zudem versuchen, Implantate zu »hacken«, um neue Fertigkeiten wie etwa die Wahrnehmung von Schallwellen zu erhalten. Bei der Vermarktung hingegen stehe die Musikwahrnehmung im Vordergrund, der aufgrund ihrer sozialen und identitätsstiftenden Eigenschaften ein integratives Potential innewohne. Indem die Werbung auf Utensilien zur Optimierung der Musikwahrnehmung sowie Accessoires hinweise, inszeniere sie das Cochlear-Implantat als attraktives modernes Lifestyle-Produkt.

Wie NIKLAUS INGOLD (Zürich) ausführte, diente die Ultraviolettbestrahlung in der Weimarer Republik nicht nur kosmetischen Zwecken. Ihre Befürworter hätten sie vor allem als hygienische Maßnahme zur Steigerung der Abwehrkräfte, Anregung der Vitamin-D-Synthese und positiven Beeinflussung der Psyche empfohlen. Sie hätten damit auf die Erhöhung des persönlichen Leistungspensums und die Anpassung an die Anforderungen der modernen Leistungsgesellschaft gezielt. Wie Ingold ausführte, habe es sich dabei aus zeitgenössischer Perspektive weniger um ein Enhancement als um die Wiederherstellung körperlicher Normalität gehandelt, habe doch die bioklimatologische Forschung im Tiefland und insbesondere in den Städten ein »biologisches Dunkel« ausgemacht, dessen negative Auswirkungen auf den Körper die Bestrahlung habe beheben sollen. Eine Ausnahme habe lediglich die Sportmedizin dargestellt, da hier versucht worden sei, Bestrahlung zugunsten der Rekordjagd zu nutzen.

Im zweiten Panel »Körper und Konsum: Enhancement und künstlicher Körper als Ware« rückte die Frage nach dem Zusammenhang von Körper und Konsum ins Zentrum. Die Beiträge beschäftigten sich sowohl mit breiter verfügbaren, auf Konsum ausgerichteten Enhancement-Produkten, als auch mit der Reflexion auf die Disponibilität technisch optimierter Körper. So widmete sich MICHAEL HAUSKELLER (Exeter) dem bis in die Antike zurückreichenden Traum von der künstlichen Geliebten anhand von Ovids »Pygmalion«, E. T.A. Hoffmanns »Sandmann« und Villiers de L’Isle-Adam »Die Eva der Zukunft«. Ihnen sei gemeinsam, dass sie die künstliche Geliebte als die bessere Geliebte zeichneten. In der Diskussion wurde die Frage aufgeworfen, ob diese Geschichten über künstliche Frauenkörper nicht eher Geschlechterverhältnisse als Überwindungen der Körperlichkeit verhandelten.

FLORIAN PÜSCHEL (Passau) analysierte den gegenwärtigen Trend zur technikbasierten Datenerfassung und die damit einhergehenden Zugriffsmöglichkeiten auf und durch den Körper. Der erweiterte Zugriff der Umwelt auf den Körper wie auch des Körpers auf die Umwelt werde erst durch technische Voraussetzungen wie Miniaturisierung, Wearable Computing und Vernetzung sowie durch soziale Rahmenbedingungen wie die Etablierung der Techniknutzung und die gestiegene Bereitschaft zur Selbstauskunft ermöglicht. In der aktuellen Quantified-Self-Bewegung, deren Anhängerinnen und Anhänger ihre Körper mittels digitaler Technologien vermessen und die Ergebnisse über soziale Plattformen abgleichen, werde der Körper zum Datenlieferant. Mit Google Glass hingegen werde er zur Datenschnittstelle. Google Glass ermögliche neue Formen der Körperlichkeit, da man damit über den Schädelknochen hören und körpergebundene Eindrücke mit anderen Nutzerinnen und Nutzern mittels digitaler Vernetzungen teilen könne. Der Körper, resümierte Püschel, werde gegenwärtig in Daten zerlegt und zugleich komme es zu seiner datenbasierten Erweiterung.

BARBARA WAGNER (Baden-Baden) fragte nach den Vorstellungen vom idealen Körper und den Praktiken seiner Optimierung, die im 19. Jahrhundert aufkamen. Im Mittelpunkt standen die von Johann Christoph Friedrich GutsMuths sowie von Friedrich Ludwig Jahn entwickelten Turnübungen und Moritz Schrebers Bandagen zur Formung des Körpers. Wie Wagner anhand von Werbeanzeigen darlegte, habe sich Ende des 19. Jahrhunderts schließlich ein Markt etabliert, der unterschiedlichste Waren zur Verbesserung des körperlichen Erscheinungsbildes geboten habe. Diese Praktiken und Produkte hätten auf die Prävention und Korrektur als Makel empfundener Körpereigenschaften gezielt.

Das Panel schloss mit einem Vortrag von ARNO GÖRGEN (Ulm), der anhand des Computerspiels »Deus Ex: Human Revolution« zeigte, wie ein aktuelles popkulturelles Massenmedium den gesellschaftlichen Diskurs zum Enhancement aufgreift und weitertreibt. In dem im Kontext des Cyberpunk zu verortenden Spiel, dessen Protagonist nach einer schweren Verletzung künstliche Körperteile erhalte, würden die Spielerinnen und Spieler immer wieder aufgefordert, zu technischen Verbesserungen des Körpers Stellung zu beziehen. »Deus Ex: Human Revolution« stelle damit ein Medium bio- und technikethischer Reflexion dar.

Im dritten Panel »Utopie und Albtraum: Interpretationen des technisierten Körpers« wurde der Fokus der Tagung erweitert und von konkreten Praktiken und Formen des Enhancement zu deren Imagination in Kunst und Literatur verschoben. JOHANNA-HELENE LINNEMANN (Wuppertal) eröffnete das Panel mit einer Analyse der Darstellung von Körperlichkeit in Christian Krachts 2001 erschienenen Roman »1979«. Entgegen bisheriger Lesarten der Forschung interpretierte Linnemann »1979« nicht als eine Geschichte der Rezession, in welcher sich der Körper des Ich-Erzählers zusehends auflöse. Denn an die Stelle des »konventionellen« Körpers, so ihre These, trete ein neuer rein künstlicher Körper, der mit der Körperlichkeit des Protagonisten zusammenfalle. Im Zentrum des Vortrags stand somit, in Orientierung an Jean Baudrillard, die literarische Inszenierung der Wiederkehr des Körpers vor dem Hintergrund seines durch verschiedene Technologien bedingten Verschwindens.

Der anschließende Vortrag von STEPHAN BRAESE (Aachen) thematisierte das Unheimliche des künstlichen Körpers und das Unbehagen vor dem Eindringen der Technik in den Körper. Als Schlüsseldokument der neueren Kulturgeschichte der Angst vor dem künstlichen Körper, so Braese, könne Sigmund Freuds Aufsatz »Das Unheimliche« (1919) und die darin enthaltene Reflexion auf E. T.A. Hoffmanns Erzählung »Der Sandmann« (1817) gesehen werden. Freud nehme somit eine zentrale Stellung in der europäischen Selbstaufklärung ein und sei daher für eine historisch angeleitete Analyse aktueller Positionierungen zum künstlichen Körper unverzichtbar.

Mit Zukunftserwartungen und -ängsten beschäftigte sich auch ROMINA SEEFRIED (Passau) in ihrem Vortrag zu körperlichen Entgrenzungs- und Technisierungstendenzen in der phantastischen Literatur der frühen Moderne. Anhand der Textbeispiele »Alraune« (Ewers, 1911), »Züllinger und seine Zucht« (Loele, 1920) und »Phantastische Orgie« (Frey, 1924) beleuchtete Seefried verschiedene Thematisierungen des Eingriffs in den Körper. Als zentrale Leitdifferenz der magisch-mystischen, biologischen und technischen Szenarien der Schöpfung künstlichen Lebens arbeitete sie die Opposition von Normalität und Abweichung heraus. Anhand der Analyse der Grenzziehungen zwischen dem Noch-Menschlichen und Schon-Technischen/Künstlichen zeigte sie schließlich ein paradoxes doppeltes Defizit in der literarischen Diskussion des Mensch-Maschine-Paradigmas auf: So verwiesen die herangezogenen Textbeispiele darauf, dass die Körperlichkeit des Menschen nicht die Perfektion der Maschinen erreiche, zugleich aber nicht adäquat durch Maschinen ersetzt werden könne.

Der abschließende Vortrag von NICOLA HILLE (Tübingen) fokussierte anhand ausgewählter Texte und Bildmedien auf Konzeptionen des ›Neuen Menschen‹ und biopolitische Utopien der frühen Sowjetunion. Am Beispiel der Utopien der Biokosmisten, der Rezeption des Schöpfungsmythos des Prometheus, staatlicher Propagandaplakate und der Schriften Maxim Gorkis zeichnete Hille die Entwicklung einer politischen Metaphorik und Programmatik der kollektiven Selbstperfektionierung nach, die schließlich in der Politik der ›lebenswissenschaftlichen Neuordnung‹ der 1930er-Jahre gemündet sei. Ausgehend von dem Labor, der Werkstatt und der Fabrik, so der Tenor, habe sich der in der Oktoberrevolution ›neu geborene‹ Mensch die Errungenschaften von Wissenschaft und Technik aneignen sollen, um die sozialistische Gesellschaft zu gestalten.

Die Tagung deutete mit ihren Beiträgen auf die Vielfalt der Methoden und Diskurse der technikbasierten Verbesserung des Körpers seit der Moderne. Sie trug nicht zuletzt auch durch den Einbezug von Aneignungsstrategien zur Historisierung körperassoziierter Technik bei. Allerdings fokussierten die Beiträge zum einen auf den euro-amerikanischen Raum und zum anderen – mit wenigen Ausnahmen – auf Hightech-Produkte oder jeweils neue und somit noch wenig etablierte technische Verfahren. Verbreitete, gebräuchlich gewordene Enhancement-Produkte wie beispielsweise Nailextensions oder Muskelaufbaupräparate, elektrische Rollstühle oder die funktionellen Prothesen, mit denen Hilfsorganisationen jährlich tausende Landminenopfer in Kriegs- und Krisengebieten versorgen, fanden hingegen keine Berücksichtigung. Der Blick auf solche und ähnliche Technologien würde jedoch ermöglichen, auch das alltäglich gewordene Enhancement zu historisieren.

  • Veranstalter: Aachener Kompetenzzentrum für Wisenschaftsgeschichte, RWTH Aachen.
  • Ort, Datum:  Aachen, 15.11.2013.

Konferenzübersicht:

Begrüßung

  • Dominik Groß / Ylva Söderfeldt (Aachen)

Panel 1: Wiederherstellen und Verbessern: Medizinisches Enhancement

  • Friedrich Moll / Thorsten Hallin / Heiner Fangerau (Ulm): Operatives und medikamentöses Enhancement in der Urologie. Rekonstruktion und Steigerung männlicher Potenz
  • Beate Ochsner / Robert Stock (Konstanz): Das Cochlear Implantat. Neuroprothetik und Human Enhancement
  • Niklaus Ingold (Zürich): »Für den beruflich Angestrengten«. Ultraviolettbestrahlungen als Mittel zur Verbesserung des menschlichen Körpers in der Weimarer Republik

Panel 2: Körper und Konsum: Enhancement und künstliche Körper als Ware

  • Michael Hauskeller (Exeter): Automatic Sweethearts: Der Traum von der künstlichen Geliebten von der Antike bis zu Gegenwart
  • Florian Püschel (Passau): Körper als Datenträger. Quantified Self, Google Glass und die Umwandlung des Körpers in digitale Datensätze
  • Barbara Wagner (Baden-Baden): »Sensationeller Erfolg bei Haarleiden und in der Schönheitspflege«. Vorstellung vom optimierten Körper im 19. Jahrhundert
  • Arno Görgen (Ulm) / Matthis Krischel (Aachen): »Technisches Enhancement im Computerspiel Deus Ex«. Eine Fallstudie zu Computerspielen als Medien ethischer Reflexion

Panel 3: Utopie und Albtraum: Interpretationen des technisierten Körpers

  • Johanna-Helene Linnemann (Wuppertal): Technische Vereinnahmung und menschliche Verausgabung. Geschichte, Gegenwart und Zukunft des Körpers in Christian Krachts Roman 1979
  • Stephan Braese (Aachen): Das Unheimliche des künstlichen Körpers. Freud liest E. T.A. Hoffmann
  • Romina Seefried (Passau): »Phantomata, Mensch oder Maschine?« Zu körperlichen Entgrenzungs- und Technisierungstendenzen
  • Nicola Hille (Tübingen): Heroen, Übermenschen, Superhelden. Der Neue Mensch in der Kunst und Kultur der frühen Sowjetunion

Hinweis: Dieser Bericht wurde bereits am 28.01.2014, bei H-Soz-u-Kult veröffentlicht.