Im Dialog mit provisorischen Dingen

Warum Prothesen besonders gesprächsbereit sind

Wir finden im Ding zwar nicht, was wir suchen, aber wie wir suchen. Die Entdeckungen, die wir am Ding machen können, überraschen das Ding, auf eine Weise, welche aus uns kommt. Also sind es Entdeckungen sowohl am Ding wie an uns selber. – Vilém Flusser

Suche nach einem Gesprächseinstieg

Wie geht man mit Dingen um? Man be-greift sie, man hand-habt sie – man tut es einfach. Wie geht man mit Dingen im geistes- und kulturwissenschaftlichen Diskurs um? Das ist eine viel kompliziertere Frage. Nachdem der vielzitierte material turn in den Kulturwissenschaften den Fokus auf die Dinge und deren Materialität gesetzt und damit für Furore gesorgt hat, bemühen sich die Verteter_innen unterschiedlichster Disziplinen um einen partnerschaftlichen Dialog mit den Dingen. Die Hoffnung auf eine Unmittelbarkeit, mit der die Dinge uns ansprechen, ist zum Einen getragen von der Verunsicherung des zunehmenden Umgebenseins mit »Undingen«,1 wie Vilém Flusser Informationen im digitalen Zeitalter bezeichnet. Zum Anderen ist es auch der Dominanz eines radikalen Sozialkonstruktivismus geschuldet, der die Dinge und deren Materialität offensichtlich aus den Augen verloren hat und nun in einer Pendelbewegung eine Aufmerksamkeitsverschiebung Richtung Materialiät fordert. Diese soll jedoch nicht von einer naiven technikdeterministischen Perspektive aus folgen, sondern aus der Idee des Dialogs, in dem die Aufmerksamkeit weg von Subjekt und Objekt in deren performative Interaktion gelenkt wird. In einer dergestaltigen philosophischen Auseinandersetzung mit Dingen muss also gefragt werden: ›In den Dialog treten mit den Dingen‹ – Wie soll das eigentlich gehen?

Wenn man diesen Ansatz ernst nehmen möchte – und genau dies soll hier geschehen – muss man sich diesem ›wie‹ widmen, d. h. methodische Vorüberlegungen tätigen und sich dabei der Paradoxie bewusst sein, dass diese theoriegeschwängerter und dingferner wohl nicht sein könnten. Eine Idee wäre zunächst, analog dem Gedanken der Auflösung der Distanz zwischen Subjekt und Objekt, die Distanz zwischen Inhalt und Methode aufzuweichen. Die Entwicklung eines Forschungsdesigns soll der Beobachtung nicht vorausgehen, um dieses anschließend auf einen gegebenen Forschungsgegenstand in gewohnter Werkzeug-Ding-Relation anzuwenden. Vielmehr soll in Wechselwirkung und Erfahrung der Interaktion mit dem Ding ein methodisches Vorgehen erwachsen. So kann vermieden werden, die Dinge von vornerein verstummen zu lassen: »Stumm werden Dinge und Objekte gemacht, wenn sie zur Illustration vorgefertigter Thesen benutzt werden.«2 Und eine vorgefertigte These ist auf dem eingeschlagenen Weg gleichbedeutend mit einer vorgefertigten Methode.

»Vorerst geht das so«: Provisorische Methode, provisorische Dinge

Damit muss nun erfragt werden, welche Dinge potentiell am auskunftsfreudigsten sind: Welche Dinge sind gleich der Methode im Entstehen, unperfekt, unabgeschlossen, situationsangepasst? Der Blick fällt auf provisorische Dinge. Provisorien bieten die gesuchte Grundeinstellung, die man als grundsätzliche Offenheit zum Dialog werten darf. Und damit offenbart sich ein erster erfreulicher Effekt: Die Entdramatisierung der anfänglichen Orientierungslosigkeiten und Zweifel durch ein Zulassen des Gedankens: ›Es gibt etwas besseres – aber vorerst geht das so‹ – also der Synchronisation von Methode und Gegenstand, provisorischem Umgang mit dem Ding und des als provisorisch verstandenen Dings selbst.

In aktuellen Diskursen ist immer wieder von der Widerständigkeit der Dinge, der im wörtlichen Sinne Gegen-Stände zu lesen. Lesbar sind nicht die Dinge selbst, sondern ihre falsifizierenden Einsprüche. Dingen wird ein »Vetorecht«3 eingeräumt, das als Korrektiv für dingdistanzierte Theorien genutzt wird und so neue Fragestellungen eröffnen kann. Gehört jedoch nicht zum Dialog die prinzipielle Offenheit der Gesprächspartner? Tritt man – wie in der Idee des Vetorechts implizit – in einen Dialog ein in dem Wissen, dass der Gesprächspartner ausschließlich »Nein!« zu sagen fähig ist, gerät die Metapher des Dialogs schnell in Schieflage. Was unterscheidet diese Interaktion von einer einfachen empirischen Widerlegung von Theorie in klassischer Subjekt-Objekt-Trennung? Es stellt sich also die Frage: Von welchen Artefakten kann man sich mehr als ein »Nein!« erhoffen? Eventuell werden wir in der Prothetik fündig.

Prothesen als provisorische Dinge

Kaum ein anderes Ding ist näher am oder sogar im Körper als eine Prothese. Sie ist ein hybrides Artefakt par excellence, lässt sie doch die Grenzen von Subjekt und Objekt, von Natur und Technik, von Körper und Geist, Funktionalität und Ästhetik verschwimmen. Die Vorstellung eines gemeinsamen Handelns von Mensch und Ding als eine Handlungseinheit ganz im Sinne der Akteur-Netzwerk-Theorie fällt hier nicht schwer, ist das gemeinsame Funktionieren – ob optisch oder motorisch – doch die genuine Motivation im Prothesenbau. Die berühmte Frage nach der agency des Dings, dem Handlungspotenzial, das sich im Netzwerk mit Raum, menschlichem Akteur und anderen Dingen entfalten kann, ist hier leiblich erfahrbar.

Nachdem die Prothese als hybrides Schnittstellen-Artefakt das erste Kriterium einer interessanten potentiellen Gesprächspartnerin erfüllt, bleibt die Frage nach dem Provisorischen der Prothese. Verführt vom selben Präfix folgen wir den Begriffen in die Etymologie: ›Prothese‹ setzt sich zusammen aus den altgriechischen Wörtern πρό (pro) ›vor, anstatt‹ und ϑέσις (thesis) ›das Setzen, Stellen‹, ›Provisorium‹ kommt aus dem lateinischen und bedeutet ›vorläufiger Zustand, behelfsmäßige Einrichtung‹.1 In beiden Fällen wird also etwas gesetzt im Wissen, dass dieses Gesetzte nicht einem Ideal- oder Endzustand entspricht, Ersatz- oder Entwurfsfunktion besitzt. Dieser Wortähnlichkeit folgend, ergeben sich in der Tat weitere Gemeinsamkeiten. Sowohl Provisorium als auch Prothese sind durch ihre Zweckmäßigkeit charakterisiert und werden aus vorhandenen Mitteln geschaffen, um einen erlebten Mangel auszugleichen. Die Schaffung von beidem verlangt spezielles Wissen: Prothetik verlangt, erzeugt und spiegelt Körperpraktiken und Körperwissen, provisorische Dinge sind ebenfalls nur durch Kenntnis der Materialien und Handlungspraktiken konstruierbar. Beide sind spezifisch an die Situation angepasst, sind somit individuell und nicht massenhaft reproduzierbar. So geben sie Verweise auf Entstehungskontext der beteiligten menschlichen und nicht-menschlichen Akteure. Beide haben eine spezielle Zeitlichkeit und sind nicht für die Ewigkeit konstruiert, sondern mit einem vermuteten Ablaufdatum; etwa wenn die Person mit Beinprothese ihre Lebensumstände wechselt oder wächst. Andererseits überleben Provisorien häufig ihre angedachte Dauer als Zwischenlösungen, überdauern so Erfinder_in und manchmal sogar ihren eigenen Zweck – so wie Prothesen, die in der Welt bleiben, wenn ihr_e Benutzer_in längst verstorben ist.

Sind Prothesen per se provisorisch?

Ist jedes Provisorium eine Prothese? Vielleicht. Diese Frage lockt jedoch in einen begriffsdefinitorischen Kreisverkehr. Anders die Frage: sind Prothesen per se provisorisch? Hieraus lassen sich Differenzierungen erarbeiten, denn es gibt Einiges, was gegen diese Interpretation spricht: Prothesen als Be-Ding-ungen des menschlichen Körpers sollten doch möglichst ideal sein und keine Übergangslösung darstellen. Die zunehmende Komplexität der technischen Artefakte, die Herstellung der Prothesen durch hochspezialisierte Expert_innen und der Wechsel des Materials von Holz und Leder zu Nanomaterialien, synthetischen Fasern bis zu lebenden biogenen Stoffen widersprechen der quasi heuristischen Vorgehensweise des Provisorischen. Ebenso die zu beobachtende Verlagerung des Anpassungsprozesses von der Modifikation des Materials hin zur Zurichtung des Körpers. Sowohl Provisorium als auch Prothese verlangen im Schaffensprozess ein Maß an selbstbewusstem Umgehen-Können mit der Situation: »Technologie ist immer auch ein Maß für den Grad an Komplexität, den wir für beherrschbar halten.«4 Dieser Grad an Komplexität nimmt im Bereich der Prothesen rasant zu und zieht einen Graben zwischen den kontrollierenden Expert_innen und den Nutzer_innen.5 Jean Baudrillard geht noch weiter und verlegt die Kontrolle und Handlungsmacht nicht nur in die Designer_innen, sondern auch in die Dinge selbst: »Die Gegenstände werden in unseren Tagen komplexer als die auf sie bezogenen Verhaltensmuster der Menschen Die Gegenstände werden immer differenzierter, unsere Gesten dagegen immer einfacher.«6 Baudrillard spricht weiter von einem sich abzeichnenden Rollenwechsel, durch den der Mensch zum Statist und das Ding zum eigentlichen Akteur werde.

Freilich könnte im übertragenen Sinne die Prothetik als Provisorium interpretiert werden, als eine imperfekt-pragmatische Übergangslösung bis zum utopischen Idealzustand, wenn menschliche Gliedmaßen und Organe komplett durch identische Nachzüchtungen ersetzt werden können. Es würde dann schwierig, von diesen organischen ›Mangelausgleichungen‹ noch von Artefakten zu sprechen, vielleicht sogar schwierig, sie Biofakte zu nennen, da das nachgewachsene Organ vom ›originalen‹ Körper, der sich ja ebenfalls in ständigem Neubau befindet, ununterscheidbar wäre. Zudem weisen die zukünftigen Entwicklungen in der Prothetik Richtung Enhancement, das heißt die Ersatzteile werden als ›besser als das Original‹ gedacht. Der fehlende Arm soll nicht durch ein Äquivalent ersetzt, sondern durch ein potenteres Werkzeug überwunden werden. Fällt diese Optimierung noch in dern Bereich des Provisorischen? Oder ist hier ein das Provisorische stetig begleitendes ›Umkippen‹ in die Stabilität, die Verstetigung zu beobachten?

PROvisorischeTHESEN – ein methodischer Ansatz

Durch den Blick auf Prothesen und deren Entwicklung wurde in der Tat ein tipping point der Verstetigung des Provisorischen durch fertige Formen zur Kontur gebracht und damit eine potentiell fruchtbare Anschlusstelle für philosophische Reflexionen markiert. Um die zu Anfang beschriebene Synchronisation von Methode und Ding, von provisorischen Thesen und Pro-thesen nicht aufs Spiel zu setzen, sind Artefakte innerhalb der Prothetik zu suchen, die mehr von Bastler_innen als von Ingenieur_innen7 erschaffen werden. Wo die Nutzenden, die mit dem Ding ein Handlungsnetzwerk bilden, Wissen über dessen Komplexität verfügen, treten in besonderem Maße aufregedene erkenntnistheoretische wie praktische Fragen auf.8 Denn diese physiologisch-technischen Praktiken des prothetischen Selbstbaus beeinflussen das Denken, wie das Denken die Körperpraxis. Mit einer pragmatisch bastelnden Herangehensweise an Welt und Welt-Entwürfe verändern sich Denkweisen, Körperbilder und Dingdesigns gleichermaßen, was im Fall der Prothesenentwicklung wie in der Philosophie spannende Früchte tragen dürfte.

  • 1. Flusser und Rötzer, Dinge und Undinge, 81.
  • 2. König, »Das Veto der Dinge. Zur Analyse materieller Kultur«, 14.
  • 3. Ibid.
  • 4. Telepolis, Telepolis special Mensch+, 128.
  • 5. Die Bestrebungen, sich die Autonomie über die Prothesen zurückzuerobern indem bspw.. die Programme der Neutoprothesen gehackt werden lassen sich in der (Gegen)bewegung der Cyborg-Community und Biohacking-Szene beobachten.
  • 6. Baudrillard, Das System der Dinge, 74.
  • 7. Lévi-Strauss, Das wilde Denken, N. Dort unterscheidet Levi–Strauss zwei Arten der wissenschaftlichen Erkenntnis, das mythische Denken und das westlich–rationale Denken.
  • 8. Das Bild der/des Prothesenträger_in, die/der über ein umfassendes Verständnis über das eigene Ersatzteil verfügt, soll damit nicht romantisiert werden. Meist ist dieses Wissen ist gar nicht nötig, um mit einer Prothese umgehen zu können, ebenso wie das Wissen über die anatomische Konstitution nicht nötig ist, um mit einem Ball spielen zu können. Im Kontext des Provisorischen jedoch – wie bereits gezeigt wurde – scheint das Thema Dingwissen äußerst relevant.