Sind Kampfdrohnen Prothesen? Sind Piloten ihre Subjekte?

Eine wahrnehmungs- und handlungstheoretische Betrachtung

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»I wanted to become a hero, but my country made me a murderer.«

Dieser Satz stammt vom US-Amerikaner Brandon Bryant, der von 2007 bis 2011 als sogenannter drone operator, also als Drohnenpilot, für die U. S. Air Force tätig war.1 Als solcher steuerte er im Schichtdienst von einer Kommandozentrale in Nevada aus Kampfdrohnen durch Einsatzgebiete wie etwa in Afghanistan, im Irak, in Libyen, Pakistan, Somalia oder dem Jemen.2 Durch die von ihm in gelenkten Drohnen beobachtete er Landschaften, Orte und Personen und suchte sowohl konkret nach Terroristen der wöchentlich vom Pentagon und dem Weißen Haus aktualisierten kill list, als auch nach verdächtigen Verhaltensweisen. Die erste Aufgabe eines drone operators besteht also darin, scharfe Bilder von verdächtigen Personen zu erstellen, die von einem Militärapparat ausgewertet werden.

Diese Auswertung erfolgt zum einen simultan, indem andere Personen die erzeugten Bilder beobachten und Befehle geben. Aber um Algorithmen für verdächtige Verhaltensweisen zu finden, werden zusätzlich alle gesammelten Bilder gespeichert. Sie werden rückwirkend ausgewertet, etwa um das Verhalten von Personen vor Terroranschlägen rekonstruieren zu können, aber auch, um verdächtige Personen über längere Zeit zu beobachten und die Geodaten von Personen mit Beziehungsdaten aus der Kommunikationsüberwachung zu verknüpfen.3 Wann und wo es zum Einsatz des in die Kampfdrohne integrierten Raketenwerfers kommt, liegt also nicht im Ermessen des drone operators selbst, sondern wird von einem Militärstab entschieden, der Hightech-basierte Analysen vornimmt und die Manöver vorbereitet. Erst die Ausführung des Raketeneinsatzes selbst, der drone strike, wird dann wieder zur Aufgabe des Piloten.

Überlegungen zur Theorie der Kampfdrohne

Ziel dieses Beitrags ist es, ein philosophisches Verständnis des Eingangszitats zu gewinnen und dessen argumentativen Horizont zu erfassen. Darin wird die Frage aufgeworfen, welche politische, juristische und philosophische Bedeutung die Handlungen eines drone operators haben. Hierzu sollen folgende Fragen beantwortet werden: Welche Rolle hat sein Handeln für die beteiligten Personen? Welche Funktion erfüllt die Drohne für ihn? Technisch betrachtet ist die Kampfdrohne nichts weiter als ein ferngesteuerter Flugkörper, der mit einer hochauflösenden Kamera und einem Raketenwerfer ausgerüstet ist – ein unbemanntes Kampfflugzeug.4 Ihr Einsatzgebiet ist zumeist mehrere tausend Kilometer von ihrem Piloten entfernt und selbst zu den beobachteten Personen hält sie oft einen Abstand von 6000 m. Doch die Drohne stellt eine Verbindung zwischen diesen Personen und ihren Räumen her, die dadurch, dass Dritte involviert werden, oftmals in der Tötung der Beobachteten durch ihren Beobachter endet. Diese Beziehung soll betrachtet werden.

Dabei lässt sich methodisch zunächst die beiden Aufgaben des Beobachtens auf der einen und des Tötens auf der anderen Seite voneinander trennen, um die Fragen zu beantworten: Welche Beziehung stellt die Kampfdrohne her zwischen ihrem Piloten und den Menschen, die er beobachtet? Welche zu denen, die er angreift? Welche Handlung des Piloten wird mit einer Kampfdrohne verwirklicht? Welche Rolle spielt die Distanz für die Bewertung seiner Handlungen? Ein Vorschlag, der die Ansicht unterstützen würde, dass die Funktionen der Drohne mit den Handlungen ihres drone operators identisch sind, könnte darin bestehen, die Kampfdrohne als eine Art Prothese ihres Piloten zu betrachten. Diese Interpretation soll im Folgenden diskutiert werden. Nicht zuletzt sollen diese Überlegungen einen Anstoß für die Frage bilden, wie drone strikes juristisch zu bewerten sind und was es bedeutet, mit einer Kampfdrohne Menschen zu töten.

Prothesen als Elemente des Körpers

Zunächst zur Ontologie von Prothesen: Die Frage, ob ein Gegenstand eine Prothese ist, scheint immer auch die Frage einzuschließen, eine Prothese-für-was er ist. Zwar erfasst die allgemeinste Definition eine Prothese einfach als internes oder externes, nicht-organisches Körperelement. Allerdings muss sie, um als Element des Körpers betrachtet werden zu können, eben auch eine Körperfunktion erfüllen, da sie sonst schlicht ein Fremdkörper im oder am Organismus ist. Dies wiederum weist auf eine phänomenologische Dimension der Betrachtung hin. Es lassen sich verschiedene Arten von Funktionen voneinander unterscheiden: zum einen innere Körperfunktionen (z. B. bei Herzschrittmachern), zum anderen Funktionen des sensomotorischen Systems (z. B. bei Brillen, Handprothesen, Rollstühlen). Obwohl Kampfdrohnen ihren Piloten eine Distanz vom Schlachtfeld und damit einen Schutz ihrer Lebensfunktionen gewähren, soll im Folgenden zunächst ein Fokus auf ihre sensomotorischen Funktionen gelegt werden, die unmittelbarer sind.

Im Versuch, die Kampfdrohne in dieser Definition zu erfassen, scheinen sich zwei Schwierigkeiten zu ergeben, die die weitere Diskussion verfolgen werden: zunächst die Schwierigkeit, dass eine Drohne keine analoge Verbindung zum Körper ihres Piloten aufweist, wie es bei den meisten Prothesen der Fall ist; darüber hinaus eine Klärung der Frage, inwiefern durch den Einsatz von Drohnen der Charakter der Handlungen verändert wird, die eigentlich vollzogen werden sollen. An Relevanz gewinnt diese Frage in einer Gegenüberstellung von Kriegsmanövern und drone strikes. Im ersten Schritt soll jedoch die Art der Verbindung zwischen drone operator und Kampfdrohne untersucht werden, insofern sie für die Funktion des Beobachtens benutzt wird. Die Drohne wird daher zunächst nur als ferngesteuerte Videodrohne betrachtet.

Die zwei Räume eines Displays: Drohnen als Filmtechnologie

Hilfreich für diese Untersuchung ist eine Argumentation, die Noël Carroll in einem Text zur Ontologie des Films anstellt. Er untersucht, unter welchen Umständen sich filmische Bilder als Sehprothesen verstehen lassen, und stellt fest, dass bspw. Mikroskope, Teleskope und Spiegel als Prothesen betrachtet werden können, da sie die natürlichen Möglichkeiten erweitern würden, Objekte zu sehen.5 Dem kann gemäß der oben gefassten Definition von Prothesen problemlos zugestimmt werden. Allerdings gelte dies, so Carroll, im Falle einer Kinovorführung nicht, da die Perspektive des Films auf das »Objekt […], das das […] filmische Bild hervorgerufen hat«,6 sowohl in der Zeit als auch im Raum ein abgetrenntes Display ist und der Blickwinkel entkörperlicht erscheint. Das heißt, aus dem filmischen Bild selbst geht nicht hervor, wann und wo es aufgezeichnet wurde – nicht zuletzt deswegen, weil es in Spielfilmkontexten häufig für etwas anderes steht als das gefilmte Objekt selbst. Demnach sind Filmvorführungen keine Prothesen des Sehens, da ihre Betrachter »kein Gefühl dafür entwickeln [können], wo sich der dargestellte Raum in bezug auf [ihre] Körper wirklich befindet«.7

Anders müsste es sich nach dieser Argumentation bei Piloten von Drohnen verhalten. Zwar scheint ihr Zugang zu den von Drohnenkameras produzierten Bildern aufgrund des räumlichen Abstands entkörperlicht, dennoch sind sie digital mit ihnen verbunden und verstehen sich durch das Kontextwissen in einer raumzeitlichen Beziehung zu ihnen: Die Drohne verschafft ihnen einen Zugang zu dem Objekt, das das filmische Bild hervorruft, und erweitert (bzw. begründet) damit ihre Möglichkeiten, es zu betrachten. Ob ihnen die exakte Raumkoordinate der gesteuerten Drohne zu jedem Zeitpunkt bewusst ist, erscheint dabei weniger relevant, als dass sie die Möglichkeit haben, durch zeitliche Synchronität die Position der Perspektive zu verändern und damit – vom eigenen körperlichen Handeln ausgehend – ein Gefühl für den dargestellten Raum zu entwickeln: Das Display ist nicht abgetrennt, sondern verbunden. Es ist steuerbar. Demnach könnte die Kampfdrohne, wenn sie als ferngesteuerte Videodrohne betrachtet wird, durchaus als Sehprothese aufgefasst werden. Die scheinbare Schwierigkeit, dass keine analoge Verbindung zwischen ihr und ihrem Piloten besteht, ist dabei weniger relevant als die Feststellung, dass der drone operator durch das nahezu simultane, digital vermittelte Kamerabild in der Lage ist, sich aktiv in jenem Raum zu orientieren, durch den die Drohne sich bewegt.

Orientierung im virtuellen Bild

Ähnliche Argumentationen existieren bereits in der Videospieltheorie, konkreter der Untersuchung von Ego-Shooter-Simulationen, bei denen eine vergleichbare Wahrnehmungssituation vorliegt wie bei der Steuerung von Drohnen. Da der Raum, durch den bei diesen Videospielen Avatare bewegt werden, jedoch im Gegensatz zum Raum der Drohne virtuell ist, führen diese Untersuchungen gelegentlich in das Feld der Phänomenologie, in der die Wahrnehmung nur von ihrem Subjekt aus und unabhängig vom Realitätsgrad des Raums betrachtet wird. So bezieht sich der Philosoph Stephan Günzel in einem Aufsatz über die Leibwahrnehmung in Computerspielen auf einen Ansatz Maurice Merleau-Pontys, der in seiner Phänomenologie der Wahrnehmung die Möglichkeiten der Raumwahrnehmung eines Menschen von seinem Körperschema ausgehend betrachtet:8 Der Mensch gewöhnt sich demnach an eine bestimmte Haltung seines Körpers, die immer auch eine Haltung zum Raum ist, und gewöhnt sich etwa daran, dass er »ein Gesicht hat, weshalb er dem Raum frontal begegnet, sowie zumeist auf zwei Beinen steht, wodurch er vertikal im Raum steht, und zuletzt einen symmetrisch organisierten Körper besitzt, der ihm eine qualitative Differenzierung zweier Seiten erlaubt […]«.9 Die Konzepte des Raums, die ein Mensch entwickelt, verlieren demnach nie ihren Bezug zum Körperschema, da jede Raumwahrnehmung vom eigenen Körper ausgeht, der gleichzeitig Wahrnehmungsapparat und selbst Teil des Raums ist.

Da jedoch diese Konzepte vor allem von einer Gewöhnung an das eigene Körperschema abhängen, ist ein Mensch ebenfalls in der Lage, sich an dessen Modifikationen zu gewöhnen, zu denen es nicht zuletzt durch den Einsatz von Prothesen kommt. So ist er, wie Günzel schließt, ebenfalls in der Lage, sich an ein simuliertes Bild zu gewöhnen, es in die eigene Raumwahrnehmung aufzunehmen und den darin projizierten Raum als den eigenen anzuerkennen. Er schreibt: »[Die] technisch vermittelten Strukturen sind nicht minderwertig gegenüber dem, was sie darstellen, sondern sie sind [phänomenologisch], was sie sind: Wahrnehmungsstrukturen. […] Bei Medien wie insbesondere Bildern, interessiert in phänomenologischer Hinsicht weniger, was sie zeigen, als vielmehr wie sie es zeigen.«10 Und zentral dafür, wie sie es zeigen, ist die Feststellung, dass die Perspektive durch den Raum in Videosimulationen aktiv steuerbar ist und die eigenen Bewegungen der steuernden Person in Bewegungen des Displays im virtuellen Raum übersetzt werden.11

Diese Überlegungen zu Ego-Shooter-Simulationen lassen sich auf die Steuerung von Kampfdrohnen übertragen: Bewegungen des drone operators verursachen durch Fernsteuerung Bewegungen der Drohne, für die er verantwortlich ist. Veränderungen ihres Raums nimmt er als Veränderungen seines Raums wahr und ihre Bewegungen sind Übersetzungen seiner eigenen. Die ferngesteuerte Videodrohne ist somit eine Art externes Körperelement der Person, die sie steuert, ein Körperelement, das für sie die Funktion aktiver Raumbewegung erfüllt, in einem Raum, der ihr ansonsten nur mit erheblichem Aufwand zugänglich wäre. Die Person kann diesen Raum beobachten und studieren: Die Drohne ist eine Prothese seines sensomotorischen Systems.

Die Kampfdrohne als Waffe

Bisher wurden Kampfdrohnen nur hinsichtlich ihrer videobasierten Steuerung betrachtet, in welcher sie sich im Wesentlichen nicht von anderen Videoflugdrohnen unterscheiden. Im Folgenden soll die Kampfdrohne nun hinsichtlich ihrer Funktion als ferngesteuerte Waffe betrachtet werden. Hierzu soll zunächst die Frage geklärt werden, ob sich Waffen generell als Prothesen betrachten lassen, wozu erneut eine Betrachtung des Körperschemas hilfreich ist. Denn unsere Körperschemata werden, wie Merleau-Ponty ausführt, im Alltag immer wieder durch Gegenstände erweitert, die unsere Raumwahrnehmung beeinflussen, seien es Kleidungsstücke oder Fortbewegungsmittel.12 Wir erlangen durch Gewohnheit ein Gefühl dafür, uns mit ihnen im Raum zu orientieren und ihre Funktionen für uns als Modifikationen unserer natürlichen Körperleistungen zu akzeptieren: Sie werden Teil der Spontaneität unseres Handelns.13 Merleau-Ponty betrachtet sie allgemein als Werkzeuge,14 aber man könnte sie nach dieser Definition ebenso gut konkreter als Prothesen bezeichnen.

Die Integration einer Waffe in das Körperschema ist nach dieser Auffassung eine Frage der Gewohnheit. Tragen wir eine Waffe, so richten wir unsere Orientierung im Raum auf ihre Funktionen hin aus. Soldatinnen und Soldaten erlernen bspw. ein Gefühl für die Reichweite der Schusswaffen, die sie tragen. Das bestimmt maßgeblich ihre Orientierung in einem Schlachtfeld. Die Waffen, die sie tragen, erweitern ihre natürliche Fähigkeit, Gewalt auf ihr Umfeld auszuüben, und sie sind in der Lage, diese Funktion als erweiterte Leistungen ihres Körpers anzuerkennen, zumal der präzise Umgang mit der Waffe von ihren körperlichen Fähigkeiten abhängt. Waffen lassen sich also als Prothesen betrachten, mit denen die natürlichen Funktionen körperlicher Gewaltausübung erweitert werden.

Inwiefern lässt sich nun die Kampfdrohne als Waffe verstehen? Hinsichtlich der zweiten Aufgabe des drone operators, mithilfe der Drohne gezielte, tödliche Schüsse auf Personen abzugeben, erweitert sie seine Fähigkeiten, Gewalt auszuüben. Und in der Vorbereitung eines drone strikes wird seine Orientierung im Raum, der zugleich der Raum der Drohne ist, davon bestimmt, eine Position einzunehmen, die eine präzise Umsetzung des Raketenangriffs erlaubt. Sie lässt sich als Waffe verstehen und stellt auch als solche für ihren Piloten ein anorganisches, externes Körperelement dar, durch das Funktionen des sensomotorischen Systems modifiziert werden. Durch den technischen Apparat der Kampfdrohne ist er in der Lage, Personen zu töten, von denen er ohne diesen Apparat nicht einmal ein Bewusstsein ihrer räumlichen Existenz entwickeln könnte und eine räumliche Beziehung zu ihnen darüber hinaus völlig unmöglich wäre.

Waffen und Drohnen

Dies lässt den Schluss zu, dass Kampfdrohnen – wie viele andere Waffen auch – Prothesen zum Zwecke des Tötens sind. Mit diesem Schluss ist die Grundfrage im Prinzip beantwortet, doch ist mit ihm allein noch nicht der Horizont eingeholt, vor dem das Eingangszitat verstanden werden kann. Denn die Tötung von Menschen mit Kampfdrohnen wurde bislang als rein mechanischer Akt betrachtet. Wie die Tötung eines Menschen durch einen anderen aber zu bewerten ist, hängt davon ab, in welchem Kontext diese Handlung steht: Wie ist die Handlung motiviert? Wie wird sie seitens des Täters legitimiert? Da jede mögliche Beziehung zwischen dem Täter und dem Opfer eines drone strikes ohne den Einsatz der Drohne nicht denkbar wäre, scheint auch eine Bewertung dieser Handlung von den spezifischen Eigenschaften der Drohne abzuhängen. Denn sie dürfte unter allen Waffen einen Sonderstellung, ein Alleinstellungsmerkmal, aufweisen. Ein kurzer Blick auf die Geschichte der Drohne könnte dies erhellen.

Eine zentrale Eigenschaft von Drohnen aller Arten in Bezug auf verschiedene militärische Einsatzzwecke ist, dass ihr Verlust im Einzelnen verschmerzbar ist. Dieser Eigenschaft verdanken sie ebenfalls ihren Namen. Denn der Name geht, wie Grégoire Chamayou in seinem Buch Ferngesteuerte Gewalt. Eine Theorie der Drohne rekonstruiert, auf die ersten Arten von elektronischen Drohnen zurück, die eingesetzt wurden: die target drones.15 Dies sind kleine, ferngesteuerte Flugzeuge, die in der US-Army seit dem Zweiten Weltkrieg als Ziele für Schießübungen zum Einsatz kommen. Ähnlich wie ihre Namenspatronen, die männlichen Bienen (»Drohnen«), deren einzige Funktion im Bienenstock die Befruchtung der Bienenkönigin ist und die direkt nach dem Geschlechtsakt versterben, hatten auch target drones eine beschränkte Funktion in der Militärausbildung, deren Erfüllung ihre Zerstörung nach sich zieht.

In den 70er-Jahren dann versuchte vor allem die israelische Armee, Drohnentechnologien auch in Gefechten zu nutzen und setzte sie zur Schwächung der gegnerischen Abwehr gezielt als Kampfjetattrappen in Luftgefechten ein.16 Ab Anfang der 80er Jahre kam es ebenfalls seitens der israelische Armee, zu ersten Einsätzen von spy drones, also unbewaffneten Videodrohnen, die erstmals risikofreie Spionage feindlichen Gebiets erlaubten und einen Einblick in unzugängliche Räume ermöglichten.17 Ihr Vorteil gegenüber dem Einsatz von Spionen oder bemannten Flugkörpern ist auch hier ihre Entbehrlichkeit. Werden sie abgeschossen, ist der entstandene Schaden vor allem ein wirtschaftlicher. Obwohl es bereits durch den Einsatz von spy drones in Konfliktgebieten zu einem Kräfteungleichgewicht zwischen zwei Konfliktparteien kommt, erreicht letztlich erst der Einsatz von predator drones und reaper drones (vgl. Abb. 1), der verschiedenen Arten von Kampfdrohnen, die völlige Einseitigkeit.18

Sie haben mit den target drones technisch zwar nicht mehr viel gemeinsam, wohl aber philosophisch. Denn sie ermöglichen die Austragung eines bewaffneten Konflikts ohne den Einsatz von Soldaten im Kampfgebiet und damit einen auf einer Seite völlig risikolosen und verlustfreien Kampf. Entscheidend hierfür ist erneut ihre Entbehrlichkeit, denn betrachtet man die Kampfdrohne nun als Körperprothese ihres Piloten, so ist sie selbst, anders als Soldaten, völlig ersetzbar, da derselbe Pilot dasselbe Manöver auch mit einer anderen, funktional identischen Drohne ausführen könnte. Im Falle der Zerstörung einer einzelnen Drohne ist der Schaden also gering.

Kriegsrecht und Friedensrecht

Ein solcher »Krieg ohne Risiko« ist der sogenannte War on Terrorism, in dessen Kontext die meisten Kampfdrohneneinsätze der USA stehen. Im Folgenden soll nun deren Rechtmäßigkeit beleuchtet werden. Das Grundrecht auf Leben, das in den Menschenrechten der Vereinten Nationen festgesetzt ist, wird in diesem Drohnenkrieg, wie Chemayou analysiert, nach Auffassung der Verantwortlichen gemäß dem internationalen Kriegsvölkerrecht durch die Berufung auf eine Kriegssituation außer Kraft gesetzt.19 Im Völkerrecht wird dabei von einer Situation besonderer Gerichtsbarkeit in einem Kriegseinsatz ausgegangen. Es gilt ein Kriegsrecht, das zwei Dimensionen umfasst: zum einen das Recht zum Krieg (ius ad bellum, zum anderen das Recht im Krieg (ius in bello. Die erste Dimension fragt nach einer Rechtfertigung von Kriegserklärungen. Das ius in bello dagegen fragt nach der Gerichtsbarkeitssituation in Kriegsgefechten. Es bewahrt hierbei einen Bezug zu dem Grundprinzip der Rechtsprechung in Friedenszeiten, nach dem angeklagten Personen vor ihrer Verurteilung die Möglichkeit gewährt wird, sich im Prozess zu verteidigen: Das Kriegsgebiet selbst genügt seinen Akteuren als »Gerichtssaal«, die Kriegserklärung einer Partei gegen eine andere ersetzt die Anklage, und der Krieg selbst ist der Prozess von Selbstverteidigung durch militärische Gegenwehr.20 Beiden Parteien wird hierbei das Recht zugesprochen, im eigenen Interesse Personen der anderen Kriegspartei zu töten, und sie tragen dabei stets das Risiko, den Krieg zu verlieren, genauso wie jede beteiligte Person, wozu auch Zivilpersonen zählen, das Risiko trägt, getötet zu werden.

Für Soldatinnen und Soldaten im Kriegseinsatz wird es somit sogar zu einer juristischen Pflicht, den eigenen Tod zu riskieren. Denn ohne dieses Risiko lässt sich gemäß der völkerrechtlichen Argumentation ein Krieg nicht als (zumindest in ihren juristischen Grundsätzen) gerecht bewerten. Zwar sorgen Entwicklungen der Waffenindustrie immer wieder für Kräftemissverhältnisse zwischen Kriegsparteien und bewirkten in der Vergangenheit eine immer stärkere Abstraktion der beschriebenen Gerichtsbarkeitssituation. Doch nach wie vor gilt, dass eine Soldatin oder ein Soldat mit dem Betreten eines Kriegsgebiets das eigene Leben aufs Spiel setzt. Hiervon hängt die Möglichkeit ab, einen Krieg zu gewinnen, die auf internationaler Anerkennung einer Siegerpartei in einem als rechtmäßig anerkannten Prozess beruht.

Genau darauf beruhen auch die Ehrenkodizes von militärischen Großmächten wie den USA, auf die sich der Satz Bryants bezieht. Sie könnten etwa wie folgt formuliert werden: Verpflichtet sich eine Person in einem Konflikt zum Kampf für die eigenen gesellschaftlichen Interessen, die als höherwertig als die der anderen Kriegspartei angesehen werden, so verteidigt sie diese Interessen mit ihrem Leben, weshalb sie durch ihre Gesellschaft mit besonderen Ehren ausgezeichnet wird. Bei einem internationalen Konflikt ist die Rechtfertigung eines Einsatzes unmittelbar an die Einhaltung des Völkerrechts gebunden, vor dessen Hintergrund allein die eigene Nation als »the greatest nation of all«, ein Kampf darum als ehrenhaft, und seine Akteure als Helden aufgefasst werden können. Gleichzeitig wird argumentiert, dass die eigenen Interessen bspw. im »War on Terrorism« gegenüber denen der vermeintlichen Terroristen höherwertig sind, da deren Kampf nicht als ehrenhaft sondern als völkerrechtswidrig betrachtet wird.

Drone operators als Soldaten?

Können Kampfdrohneneinsätze nun völkerrechtlich gerechtfertigt werden? Die Drohne ist oben als sensomotorische Prothese ihres Piloten definiert worden. Durch sie wird er zu einem Akteur in einem Konfliktgebiet. Sie erlaubt ihm eine aktive Orientierung und ein Selbstbewusstsein im durch die Drohne vermittelten Raum. Die bewusste Steuerung einer Drohne ist Teil seines Handelns, weshalb er für ihre Bewegungen und Angriffe im entsprechenden Gebiet verantwortlich ist. Leitet er aufgenommene Bilder zur Reflexion weiter, so basieren die gezogenen Konsequenzen auf Daten, die er aktiv gesammelt hat. Die Drohne ist eine Prothese seiner Wahrnehmung und die aufgezeichneten Bilder werden als solche, nämlich als wahrgenommene Daten, behandelt. Gemeinsam wird durch einen Militärstab eine Reaktion, ein konkreter drone strike etwa, entworfen und befohlen, der wiederum vom drone operator ausgeführt wird. Letztlich unterscheidet sich dieser somit in seinem Handeln von einem bewaffneten Soldaten im Krieg nur dadurch, dass er selbst physisch nicht im Kriegsgebiet ist. Er befindet sich auf friedlichem Gebiet und ist damit in Bezug auf den Konflikt, in dem er kämpft, völlig unverwundbar.

Folglich sind drone operators Soldaten, denen durch den Einsatz von Kampfdrohnen das Risiko abgenommen wurde, im Gefecht getötet zu werden. Dann wird aber damit gleichzeitig den Opfern eines drone strikes jede Möglichkeit der Selbstverteidigung genommen. Zumindest gilt dies für einen reinen »Drohnenkrieg« wie dem verhandelten. Es besteht also ein Widerspruch in der konkreten Legitimation der Kampfdrohneneinsätze der USA. Durch den Status der Entbehrlichkeit von Drohnen wird das Kriegsrecht außer Kraft gesetzt. Kampfdrohnen übersteigen also den an sie gestellten Anspruch, als Weiterentwicklungen von Waffen, die ihrerseits Tötungsprothesen sind, Soldaten in Kampfeinsätzen präzise Kämpfe führen zu lassen und ihnen Sicherheit zu gewähren. Zwar sind sie Prothesen, aber sie verändern den rechtlichen Rahmen der Tötungen so weit, dass sie nicht mehr als Kriegswaffen betrachtet werden können. Denn als »entbehrliche Kämpfer« setzen sie das Völkerrecht außer Kraft. Der Unterschied zwischen Kriegsmanövern und drone strikes ist nicht bloß ein gradueller, er ist wesentlich.

Schluss

Die entscheidende Frage ist also nicht diejenige, ob sich ein Drohnenpilot im Krieg befindet, sondern ob Kampfdrohnen selbst es überhaupt tun. Und im konkreten Fall der Kampfdrohneneinsätze der USA, der hier betrachtet wurde, muss diese Frage gemäß der angestellten Definition eindeutig verneint werden. Auch wenn sie als »Drohnenkrieg« oder »War on terrorism« bezeichnet werden, muss festgestellt werden, dass die durchgeführten drone strikes schlicht eine Reihe von Anschlägen auf Friedensgebiet sind und juristisch als solche bewertet werden müssen. Da die Einsätze international nicht als Kriege anerkannt werden können, scheint es darüber hinaus unmöglich, dass durch ferngesteuerte drone strikes nachhaltige Veränderungen in den Machtstrukturen der Staaten erzielt werden können, in denen sie eingesetzt werden. Vielmehr erscheinen sie fest installierte Mittel unrechtmäßiger Gewalt zu sein. Da die ferngesteuerte Kampfdrohne für ihren drone operator eine Prothese ist, ist seine Rolle bei einem drone strike die des ausführenden Täters dieser Anschläge. Und die Befehle, die er ausführt, sind Mordbefehle.

In diesem Kontext lässt sich ein philosophisches Verständnis des Eingangszitats, der demütigen Selbsterkenntnis des ehemaligen Drohnenpiloten Brandon Bryant verstehen: »I wanted to become a hero, but my country made me a murderer«. Im Nachhinein erkennt er Kampfdrohneneinsätze als unrechtmäßige und unehrenhafte Gewaltakte an und tritt international als vehementer Gegner und wichtiger »Leaker« der Kampfdrohnenpraxis auf, die eine neue Perspektive gewinnt: die des Subjekts der Drohne. Bei Bryants Austritt aus der US Air Force erhielt er, im Sinne des militärischen Ehrenkodex, eine Auszeichnung, an den Tötungen von 1626 Personen beteiligt gewesen zu sein. Er hält sie im Nachhinein für Morde und hat – philosophisch betrachtet – jedes Recht dazu.

  • 1. Zitiert nach einem Vortrag Bryants in Berlin am 17. April 2015 im Rahmen des Workshops Eyes from a Distance. On Drone-Systems and their Strategies. Ein Video des Vortrags ist online verfügbar unter: http://bit.ly/1Js8QtS (Stand: 20. 7.2015).
  • 2. Eine Übersicht über militärische Kampfdrohneneinsätze bis 2013 gibt ein Bericht der Vereinten Nationen, online verfügbar unter: http://bit.ly/1INK6fl (Stand: 1. 7.2015).
  • 3. Das Buch Ferngesteuerte Gewalt. Eine Theorie der Drohne von Grégoire Chamayou gibt einen Überblick über die militärische Praxis der Kampfdrohnengewalt und beschreibt die Bedeutung und konkrete Formen von Algorithmen in der Be- und Verurteilung von Personen. Vgl. Chemayou, S. 57 ff.
  • 4. Definition des US-Militärlexikons, zitiert nach Chamayou, S. 23.
  • 5. Vgl. Carroll, Auf dem Weg zu einer Ontologie des bewegten Bildes, S. 157.
  • 6. Ibid., S. 158.
  • 7. Ibid., S. 159.
  • 8. Maurice Merleau-Ponty, Phänomenologie der Wahrnehmung, S. 123 ff.
  • 9. Stephan Günzel, Raum – Körper – Medium. Zur bildtechnischen Variation der Leibwahrnehmung und -steuerung am Beispiel von Computerspielen, S. 38.
  • 10. Ibid., S. 38.
  • 11. Vgl. ibid., S. 40.
  • 12. Vgl. Merleau-Ponty, S. 172 ff.
  • 13. Vgl. ibid. 174 f.
  • 14. Vgl. ibid. 173.
  • 15. Vgl. Chemayou, S. 37.
  • 16. Vgl. ibid., S. 38.
  • 17. Vgl. ibid., S. 39.
  • 18. Vgl. ibid., S. 40.
  • 19. Vgl. ibid., S. 177.
  • 20. Vgl. hierzu ibid., S. 170 ff. Das Recht auf Selbstverteidigung im Kriegsfall ist in Artikel 51 der UN-Charta vom 26. Juni 1945 geregelt, online verfügbar unter: http://bit.ly/1IeR0jq (Stand: 20. 7.2015).