Crowdsurfer auf Rädern

Ein Neuzugang in der Sammlung des Deutschen Hygiene-Museums dokumentiert den Trend zur Inklusion

Ein Metal-Fan in schwarzer Kleidung, mit Henriquatre-Bart und Undercut, die linke Hand zum »Teufelsgruß« erhoben, lässt sich in einem Rollstuhl durch ein vollbesetztes Stadion reichen. Das sogenannte Crowdsurfing ist bei Rock-, Metal- und Punkkonzerten beliebt. Eine Besucherin oder ein Besucher wird, auf dem Rücken oder dem Bauch liegend, vom Publikum über die Menge getragen.1 Doch dass ein Fan im Rollstuhl surft, ist offenbar ungewöhnlich: Zahlreiche Anwesende halten die Szene mit Kameras fest. Der »Crowdsurfer« bildete 2014 das Flaggschiff einer Kampagne von »Aktion Mensch« zum Thema Inklusion. Als Großplakat war er unter anderem an S-Bahnhöfen in Berlin zu sehen. Das Deutsche Hygiene-Museum erwarb dieses Plakat für seine Sammlung, um die Geschichte von Aktion Mensch, aktuelle Kampagnenarbeit2 und den Trend zur Inklusion zu dokumentieren.

Aktion Mensch

Die Organisation Aktion Mensch setzt sich für die Verbesserung der Lebensbedingungen von Menschen mit Behinderungen ein. Mithilfe einer Soziallotterie lanciert sie Aufklärungskampagnen und fördert soziale Projekte, die Menschen mit Behinderungen ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen wollen.

Die Gründung der Organisation erfolgte 1964 unter dem Namen »Aktion Sorgenkind«. Ziel war es, vor dem Hintergrund des Contergan-Skandals über die Lebensbedingungen von Kindern mit Behinderungen zu informieren und zu ihrer Verbesserung beizutragen. Dazu diente eine im Fernsehen ausgestrahlte Lotterie, deren Erlöse der Behindertenhilfe zugutekamen.3 In den 1990er Jahren vollzog die Organisation einen Wandel in der Darstellung von Menschen mit Behinderungen. Sie porträtierte sie nicht mehr als bemitleidenswerte Hilfeempfänger, sondern als selbstbewusste Akteure, deren Fähigkeiten sie nun in den Vordergrund rückte. Um diesem Paradigmenwechsel Nachdruck zu verleihen, benannte sich die Organisation 2000 in Aktion Mensch um.4

In diesem Kontext ist der »Crowdsurfer« zu verorten. Das Bild des draufgängerischen Rock- oder Metal-Fans ist eine starke Inszenierung, die die Selbstachtung und das Durchsetzungsvermögen von Menschen mit Behinderungen betont. Dabei fungiert der Rollstuhl, der in Deutschland zu den am häufigsten verschriebenen Hilfsmitteln zählt,5 als sichtbares Zeichen körperlicher Beeinträchtigung. Zugleich verweist er auf die Mühen, die gehbehinderte Menschen haben können. Denn zum einen sind Rollstühle schwergängige Fahrzeuge, für deren Fortbewegung überdurchschnittlich viel Energie aufgebracht werden muss. Zum anderen sind öffentliche Räume für die Nutzung mit Rollstühlen oft unvorteilhaft gestaltet.6 Auf dem Plakat erscheint der Rollstuhl allerdings lediglich als Anspielung auf eine Behinderung, die für seinen Besitzer kein Hindernis darstellt. Eine Botschaft des Plakats lautet: Menschen mit Behinderungen wissen, was sie wollen. Und was sie wollen, tun sie auch. Sie lassen sich nicht behindern.

Kampagnen

Das Plakat ist Teil einer großangelegten Kampagne, die Aktion Mensch 2014 anlässlich ihres 50-jährigen Bestehens lancierte. An öffentlichen Orten mit großer Fluktuation ausgehängt, hatte es die Chance, von vielen Menschen wahrgenommen zu werden zu werden. Aktion Mensch beschränkte sich bei der Kampagne allerdings nicht auf dieses eine, wenn auch besonders herausgehobene Bild. Sie schaltete auch einen TV-Spot, der behinderte Menschen am Arbeitsplatz und in der Freizeit präsentierte, und veröffentlichte auf ihrer Website Interviews mit den dort gezeigten Personen.7 Indem sie unterschiedliche Medien nutzte, folgte sie einem Leitgedanken, der grundsätzlich für Gesundheits- und Aufklärungskampagnen gilt: Damit sie viele Menschen erreichen, benötigen sie eine »hohe Impulsdichte«. Sie müssen also diverse Kanäle nutzen und verschiedene (potenzielle) »Informationswünsche« des anvisierten Publikums bedienen.8

Der breite Medieneinsatz kennzeichnet nicht nur die aktuellen Interventionen von Aktion Mensch. Um Kampagnen zum Erfolg zu führen, setzten schon andere Institutionen im 20. Jahrhundert auf das Engagement vielfältiger Medien. So erzielte das Deutsche Hygiene-Museum bereits in den 1920er und 1930er Jahren durch das Aufgebot zahlreicher klassischer und moderner Medien in der Krebsaufklärung eine starke öffentliche Resonanz. Mit Vorträgen, Lichtbildreihen, Broschüren, Filmen und (Wander-)Ausstellungen gelang es ihm, ein großes Publikum zu erreichen.9

Auch Aktion Mensch wusste sich des ebenso etablierten wie populären Mediums Ausstellung zu bedienen. So erarbeitete die Organisation zur Zeit des Paradigmenwechsels von der Betreuung von »Sorgenkindern« zur Darstellung von behinderten Menschen als selbstbewusste Akteure gemeinsam mit dem Deutschen Hygiene-Museum die Ausstellungen »Bilder, die noch fehlten« (2000) und »Der (im)perfekte Mensch« (2001).10

Das Plakat »Crowdsurfer« verdeutlicht, dass Aktion Mensch auch neueste Medien nutzt. Es weist zum einen darauf hin, dass sie über die Kommunikationsplattform Twitter kurze Nachrichten verbreitet. Zum anderen macht es auf die Internetseite der Organisation aufmerksam, auf der Interessierte weiterführende Informationen zur ihrem Engagement und ihren Kampagnen erhalten können. Das Plakat stimuliert damit die Nutzung weiterer hochaktueller Medien, über die die Organisation erstens noch mehr Informationen zugänglich macht (Internetseite) und zweitens die Versorgung mit Botschaften auf Dauer zu stellen versucht (Twitter).

Inklusion

Der »Crowdsurfer« wirbt für Inklusion, die seit 2010 auf der Agenda von Aktion Mensch steht und den Schwerpunkt für Förderung und Aufklärung bildet. Inklusion bedeutet gleichberechtigtes Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderungen. Jeder Mensch soll unabhängig von individuellen Fähigkeiten, ethnischer und sozialer Herkunft, Geschlecht und Alter die Möglichkeit haben, vollständig und gleichberechtigt an allen gesellschaftlichen Prozessen teilzuhaben und sie mitzugestalten.

Mit der ausdrücklichen Fokussierung auf Inklusion reagierte Aktion Mensch auf die UN-Behindertenrechtskonvention, die 2009 in Deutschland in Kraft getreten ist. Diese Konvention veranlasst den Staat, Strukturen so umzugestalten, dass sie Menschen mit Behinderungen eine selbstbestimmte Lebensgestaltung ermöglichen, anstatt sie zur Anpassung zu zwingen. Inklusion ist somit »ein radikales Anliegen«, denn sie »geht an die Wurzeln des bestehenden Erziehungs- und Bildungssystems, des Sozialsystems, des gesamten Gesellschaftssystems«.11

Inklusion weiter zu forcieren war das Ziel der Kampagne, die Aktion Mensch 2014 anlässlich ihres 50-jährigen Bestehens lancierte  und deren Flaggschiff der »Crowdsurfer« bildete. Das Motto »Schon viel erreicht. Noch viel mehr vor«, unter dem die Maßnahmen firmierten und das auch auf dem Plakat steht, verweist auf das jahrzehntelange Engagement der Organisation, macht aber auch deutlich, dass Inklusion noch nicht erreicht sei.

Kritikerinnen und Kritiker geben zu bedenken, dass es ich bei Inklusion um einen unscharfen Begriff handele, der in Deutschland auf die Bildungspolitik verengt werde.12 Hier steuert Aktion Mensch gegen. Um unterschiedliche Facetten der Inklusion aufzuzeigen, stellte ihre Kampagne Menschen mit Behinderungen in Beruf und Freizeit vor.13 Auch der Crowdsurfer sitzt nicht auf der Schulbank oder im Hörsaal, sondern genießt ein Konzert und das Bad in der Menge.

Die Inszenierung des Crowdsurfers im Rollstuhl entspricht der Maxime von Aktion Mensch »Das Wir gewinnt«. Crowdsurfing ist ein waghalsiges Unterfangen. Wer sich über die Köpfe der anderen Konzertbesucherinnen und -besucher hinwegtreiben lassen möchte, ist auf beherzte Unterstützung angewiesen. Greift niemand mehr zu, drohen Stürze bis zu zwei Metern Tiefe.14 Die Botschaft des Plakats lautet hier: Inklusion ist ein Gemeinschaftsprojekt. Damit sie gelingt, müssen alle mitanpacken.

Das Projekt überzeugt durch eine kraftvolle Bildsprache und klare Aussagen. Problematiken zeigen sich erst auf den dritten Blick. Die Erziehungswissenschaftlerin Gudrun Wansing entwickelt eine kritische Perspektive auf den deutschen Inklusionsdiskurs, die sich auch auf die Kampagne von Aktion Mensch übertragen lässt. Demnach führt die Fokussierung auf behinderte Menschen zu einer Verstärkung der Aufmerksamkeit auf »Behinderung« als Abweichung von der Norm eines nichtbehinderten Körpers. Behinderung erscheint dabei lediglich als bio-physischer Tatbestand, der außerhalb jener (historischen und sozialen) Strukturen steht, die eigentlich an seiner Produktion, Klassifizierung und Bearbeitung beteiligt sind. Und schließlich werden im deutschen Inklusionsdiskurs andere Heterogenitätsdimensionen wie Migration oder Alter ausgeblendet.15

Die Inszenierung des Crowdsurfers ist damit ein ambivalentes Unterfangen. Sie sensibilisiert durchaus für das Anliegen der Inklusion. Im Gegensatz etwa zur Sportlerin und Aktivistin Aimee Mullins, die Behinderung als Chance zur Selbstformung darstellt und sie damit zu einem Problem der individuellen Selbstsorge macht (siehe dazu den Beitrag von Tatjana Noemi Toemmel), betont Aktion Mensch, dass Inklusion eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist, die sich nur durch das gemeinsame Engagement  behinderter und nichtbehinderte Menschen bewältigen lässt. Aber auch im Falle des Crowdsurfers stellen zuallererst der Wagemut und das Selbstvertrauen des jugendlichen Akteurs die Voraussetzungen für seine erfolgreiche Partizipation dar. Das Plakat birgt damit die Gefahr, misslungene Teilhabe in einem inklusiven Umfeld als persönliches Scheitern zu individualisieren.16

  • 1. Vgl. »Crowdsurfing«. http://de.wikipedia.org/wiki/Crowdsurfing (letzter Zugriff: 29.10.2014).
  • 2. Das DHMD fokussiert u. a. auf Strategien und Produkte von staatlicher Gesundheitsaufklärung und deren institutionellem Umfeld, um Körperdiskurse zu dokumentieren. Herausragend ist eine Sammlung von 9.000 Anti-AIDS-Plakaten aus 100 Ländern, die die weltweit umfangreichste Sammlung zu diesem Thema darstellt. Sie wurde jüngst von Vladimir Čajkovac in dem Projekt »AIDS als globales Medienereignis. Plakate und ihre Bildsprache im interkulturellen Vergleich« untersucht. Siehe dazu http://www.dhmd.de/index.php?id=2063.
  • 3. Vgl. Naße, Katja: Charity-TV in Deutschland. Fernsehvermittelte Spendenaktionen von der ZDF-»Aktion Sorgenkind« bis zum RTL-Spendenmarathon, Hagen 1999, S. 51–53.
  • 4. Schon viel erreicht. https://www.aktion-mensch.de/50jahre/chronik.html (letzter Zugriff: 29.10.2014).
  • 5. Vgl. Rabanda, Hans Uwe: Bauweise, Funktion und Betrieb von Rollstühlen, Duderstadt 2008, S. 9.
  • 6. Vgl. Bürgel, Frank-Rüdiger: Erste Forschungsergebnisse: Viele Rollstühle statt Hilfe zusätzliche Behinderung. 14.03.2008. http://idw-online.de/pages/de/news251162 (letzter Zugriff: 22.04.2014).
  • 7. Vgl. 50 Jahre Aktion Mensch – der Film unserer Kampagne. https://www.aktion-mensch.de/50jahre/film.html (letzter Zugriff: 29.10.2014).
  • 8. Berg, Lilo: Krebsinformation heute, in: Stiftung Deutsches Hygiene-Museum (Hrsg.): Rechtzeitig erkannt – heilbar. Krebsaufklärung im 20. Jahrhundert, Dresden 2002, S. 11–19, S. 17, 18.
  • 9. Vgl. Roeßiger, Susanne: Die Krebskampagnen des Deutschen Hygiene-Museums, in: Stiftung Deutsches Hygiene-Museum (Hrsg.): Rechtzeitig erkannt – heilbar. Krebsaufklärung im 20. Jahrhundert, Dresden 2002, S. 21–31.
  • 10. Honnef-Harling, Gabriele: Bilder, die noch fehlten. Zeitgenössische Fotografie, Ostfildern 2000; Zirden, Heike/Staupe, Gisela: Der (im)perfekte Mensch. Vom recht auf Unvollkommenheit, Ostfildern 2001. Siehe auch: http://www.imperfekt.de/index.html
  • 11. Stein, Anne-Dore: Inklusion ist nicht voraussetzungslos: historische und aktuelle Implikationen, in: Deutscher Verein für Öffentliche und Private Fürsorge (Hrsg.): Inklusion in der Diskussion, Berlin 2013, S. 4–15, S. 4.
  • 12. Vgl. Wansing, Gudrun: Der Inklusionsbegriff zwischen normativer Programmatik und kritischer Perspektive, in: Deutscher Verein für Öffentliche und Private Fürsorge (Hrsg.): Inklusion in der Diskussion, Berlin 2013, S. 16–27, S. 18.
  • 13. Vgl. 50 Jahre Aktion Mensch – der Film unserer Kampagne.
  • 14. Vgl. »Crowdsurfing«. Wegen der hohen Unfallgefahr ist Crowdsurfing mittlerweile auf den meisten Festivals verboten.
  • 15. Vgl. Wansing: Der Inklusionsbegriff, S. 18f.
  • 16. Siehe dazu auch ibid.