Traumbusen aus Industriesilikon

Vor dreieinhalb Jahren fuhr M. in eine osteuropäische Metropole, um sich dort in einer Klinik die Brüste vergrößern zu lassen. Bereits wenige Monate nach dem Eingriff geriet der französische Hersteller ihrer Silikonimplantate international in die Schlagzeilen: Poly Implant Prothèse (PIP) hatte billiges Industriesilikongel verwendet, das für Brustimplantate nicht zugelassen war. In vielen Fällen waren die Kissen gerissen und hatten Entzündungen verursacht – allein in Frankreich wurden bis Ende 2012 mehr als 1.000 defekte PIP-Implantate gemeldet.1 Das Unternehmen wurde liquidiert, der Gründer erhielt eine mehrjährige Haftstrafe. Der Gesundheitsskandal löste eine Explantationswelle aus. Auch M. ließ die Implantate wieder entnehmen. Heute befinden sie sich in der Sammlung des Deutschen Hygiene-Museums (s. Obj. 1).

Brustformung

Die Brust gilt seit Jahrhunderten als Zeichen von Weiblichkeit und Erotik. Bei den persönlichen Vorlieben für Brustformen und -größen gibt es aber Unterschiede, die im Lauf der Zeit variierten. Zunächst hatten Frauen ihre Oberweite nur optisch vergrößern oder – im Falle von Amputation – ersetzen können, indem sie brustähnliche Gegenstände in ihre Büstenhalter schoben (s. Obj. 2).2 Experimente mit der Implantation von Wolle, Rinderknorpeln oder Elfenbein, die Ärzte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts durchführten, scheiterten. Seit 1963 bietet die plastische Chirurgie die Möglichkeit, Silikonimplantate einzusetzen.3

Die persönlichen Vorlieben für Brustgrößen mögen heute unterschiedlich sein. Bei der Entscheidung für eine sogenannte Schönheitsoperation gilt Selbstbestimmung als zentrales Motiv. Dennoch orientieren sich Kundinnen klar an kulturellen und sozialen Normen.4 Generell gilt die volle, feste Brust als ideal: Sie signalisiert Weiblichkeit und Erregung. Implantate bringen sie entsprechend in Form, wenn sie aufgrund eines Tumors amputiert wurde, nach dem Stillen oder durch Fettreduktion schlaff geworden ist oder in den Augen der Patientin zu klein ausfällt.

Dabei erfreuen sich insbesondere runde Silikonkissen, wie jenes, das M. getragen hatte, ungebrochener Beliebtheit. Das Ergebnis, das mit ihnen erzielt wird, wirkt zwar weniger »natürlich« als bei den tropfen­förmigen Implantaten, die seit den 1990er Jahren vertrieben werden und die Gestalt der Brust nachahmen. Runde Kissen sind jedoch preiswerter als die anatomischen Implantate und das Risiko, dass sie sich verdrehen, ist geringer. Vermutlich wird die runde Brust­form jedoch auch deswegen bevorzugt, weil sie als besonders attraktiv gilt.5

Brustkorrekturen verlaufen nicht immer problemlos und in ihrer kurzen Geschichte kam es wiederholt zu Skandalen. Trägerinnen klagten in den 1980er Jahren über Autoimmun­erkrankungen und Gesundheitsschädigungen. In den USA wurden daraufhin Silikonimplantate zeitweilig verboten. Zudem treten bis heute immer wieder Kapselfibrosen auf. Dabei werden die Kissen von schrumpfendem Narbengewebe eingeengt, die Brüste fühlen sich hart und kalt an und schmerzen. Weichere Implantathüllen, die Ende der 1970er Jahre entwickelt wurden, sollten diesem Problem vorbeugen. Sie führten jedoch in den 1990er Jahren zum »Silikon-Desaster« mit weltweit hunderten zerstörten Brustpolstern.6 Auch ein solches Implantat ist im Sammlungsbestand des Deutschen Hygiene-Museums zu finden.

Material, Gestaltung und Verarbeitung entscheiden über das Zusammenspiel von Körper und Implantat. Die PIP-Polster, die M. trug, verfügen über angeraute Oberflächen. Raue Oberflächen sind seit dem »Silikon-Desaster« der 1990er Jahre üblich. Sie sollen das Risiko von Kapselfibrosen mindern, da sich das Gewebe nun besser um die Silikonkissen legen kann.7 Die Beschaffenheit der Oberfläche ist also ausschlag­gebend für eine gute Verbindung von Körper und Implantat.

Hoher Preis für gefragte Ware

Brustvergrößerungen nehmen heute unter den ästhetischen Operationen den ersten Platz ein. Allein in Deutschland liegt die geschätzte Operationszahl zwischen 15.000 bis 20.000 Eingriffen pro Jahr.8 Dabei sind Brustkorrekturen nicht gerade erschwinglich: Die reine Operation kostet ab 5.500 Euro, hinzu kommen Kosten für Materialien, Narkose und Klinikaufenthalt.9 Die Implantate kosten zwischen 300 und 1.000 Euro.10

Viele Kundinnen suchen günstigere Alternativen in osteuropäischen Ländern. So auch M., deren explantierte Silikonpolster sich heute im Bestand des Deutschen Hygiene-Museums befinden. In Polen, Ungarn und Tschechien konnte sich aufgrund zusammenwachsender Märkte und guter verkehrstechnischer Anbindungen ein Schönheits-Tourismus etablieren, zu dessen Genese und Strukturen bislang allerdings keine Untersuchungen vorliegen. Im Internet werben die Anbieter mit ihren Dienstleistungen, die in Osteuropa preiswerter sind als in westeuropäischen Staaten. Im Angebot sind auch Pauschalurlaube, in denen Kundinnen Schönheitsoperation und Wellnessaufenthalt kombinieren können. Die Nachfrage ist hoch. Der Nachteil: Es bestehen keine Möglichkeiten zur Nachsorge und Patientinnen können im Fall von Komplikationen nur schwer Rechte einklagen.11

Im Fall von M. lag zwar kein negativer ärztlicher Befund vor, doch die Berichterstattung über PIP hatte sie verunsichert. Der Eingriff erfolgte diesmal in der deutschen Klinik ihres Chirurgen, der jetzt ein »Bleeding« der Implantate feststellte: Silikon war durch die Hülle in das umliegende Gewebe ausgetreten.

M. ist in Deutschland kein Einzelfall. Hier hatten sich etwa 5.000 Frauen Implantate der Firma PIP einsetzen lassen, und bis Ende 2013 ließen rund 1.600 Patientinnen sie wieder entnehmen. In ca. 28% der Meldungen mit Angaben zum Implantatzustand, die beim Bundesministerium für Arzneimittel und Medizinprodukte eingingen, wurde eine Ruptur mindestens eines Implantates festgestellt, in ca. 24% der Meldungen ein Bleeding.12

Schön normal

In der Regel bleiben Implantat-Trägerinnen anonym – wer will in einer Kultur, die auf »Natürlichkeit« Wert legt, schon preisgeben, dass das schöne Dekolleté unterfüttert ist? In Folge der Enthüllungen über PIP traten selten Patientinnen an die Öffentlichkeit, um Ärger und Ängste kundzutun oder Unterstützung einzuklagen. Eine Autorin der Wochenzeitung »Die Zeit« schilderte unter falschem Namen, dass sie sich den durch längeres Stillen erschlafften Busen habe neu aufbauen lassen. Im Zuge des PIP-Skandals habe sie Post von einer Gesundheitsbehörde erhalten, mit der Empfehlung, ihre Silikonpolster ärztlich auf mögliche Rissbildung untersuchen zu lassen und gegebenenfalls geeignete Maßnahmen zur »Risikominimierung« durchzuführen. Ihre Krankenkasse habe lediglich die Kosten für das Entfernen der gesundheitsgefährdenden Implantate übernehmen wollen. Eine Intervention des behandelnden Chirurgen jedoch habe dazu geführt, dass die Krankenkasse schließlich auch die Kosten für den Wiederaufbau beglich. Er habe darauf hingewiesen, dass die bloße Entnahme der Implantate zu einem »regelwidrigen Körperbild« führe, das der Patientin nicht zuzumuten sei.13

Der Chirurg rechtfertigte die Kostenübernahme, indem er jene Leitdifferenz normal/pathologisch reproduzierte, die den Blick auf den Körper seit dem 18. Jahrhundert prägt. Die Lebenswissenschaften hatten sich erfolgreich bemüht, durch Zählen und Messen Normalmaße, Normen und Normalität festzulegen und dabei die Homogenität der Körper zur Regel gemacht. Zwar hat sich das Spektrum dessen, was als normal bewertet wird, im Verlauf des 20. Jahrhunderts ausgeweitet.14 Doch wer sich nicht in dieses Spektrum fügt, der muss heute gegen die Abweichung ankämpfen, der ist gehalten, »den Körper an die viel (Teilhabe, Erfolg, ökonomischer Aufstieg, soziale Reputation) versprechenden somatischen Codes der Mehrheitsgesellschaften« anzupassen.15

Im Hinblick auf die Damenbüste ist dies eben die straffe, volle Brust, die – im Gegensatz zum Rest des weiblichen Körpers – ruhig auch etwas wiegen darf: im Falle der beiden PIP-Implantate sind es zusammen 860 zusätzliche Gramm. Ein schlaffer oder amputierter Busen hingegen entspricht nicht den somatischen Codes und gilt als Abweichung von der Norm. Brustimplantate kamen als Produkte auf den Markt, um diese Defizite auszugleichen und Körper so zu gestalten, dass sie sich in das Spektrum des Normalen fügen.

Der Normalkörper erfordert Körperarbeit. Diese ist in den vergangenen 50 Jahren ubiquitär geworden: Nur wer Körperarbeit betreibt – sei es durch Diäten oder Krafttraining, Kosmetik oder eben Schönheits-OPs – reiht sich in die Skala des Normalen, kann mit Erfolg rechnen und gehört dazu. Das war auch M. bewusst. Sie trägt heute Fabrikate eines amerikanischen Herstellers.