Prothetik als Metapher

Eines ist eindeutig: Prothesen in den Künsten werden nicht um ihrer selbst willen dargestellt. Wie Behinderung überhaupt haben sie eine ästhetische und dramaturgische Funktion. Das materielle Artefakt ist immer zugleich ein »Bedeutungsträger«, ein Symbol für etwas anderes.1 Im Anschluss an Susan Sontag2 ließe sich danach fragen, welches ›Image‹ Prothesen in den narrativen, visuellen und bildenden Künsten haben: Lässt sich für sie etwas Vergleichbares feststellen wie für so bedeutungsaufgeladene Krankheiten wie Tuberkulose, Syphilis, Krebs oder Aids?

In ihrer Studie Krankheit als Metapher belegt Sontag, wie TBC in den Künsten für Vergeistigung und Verschönerung steht (man denke nur an Die Kameliendame von Alexandre Dumas, Thomas Manns Zauberberg oder seinen Tristan, der die Symbolik der Krankheit allerdings schon karikiert), während Syphilis einen moralischen Fehltritt markiert und Seuchen wie Pest, Cholera oder Typhus die Menschen nicht romantisch individualisieren, sondern im Gegenteil einebnen, nivellieren.3 Leiden und Krankheiten in den Künsten sind Metaphern: Manche dienen der Verklärung, andere als Strafe für begangene Sünden:4 Madame de Merteuil wird für die Intrigen, mit denen sie Gefährliche Liebschaften spinnt, zuletzt durch Pocken entstellt. Nach seinem Mord befällt Raskolnikow in Schuld und Sühne ein hohes Fieber. Der distinguierte Schriftsteller Aschenbach in Der Tod in Venedig verliebt sich in einen Jüngling und geht an der Cholera zugrunde. Diese Reihe ließe sich nicht nur beliebig fortsetzen, sie ließe sich auch durch Beispiele von Prothesenträgern ergänzen. Auch Prothesen sind Metaphern.

Doch bevor ich auf ihre spezifisch metaphorische Bedeutung zu sprechen komme, will ich kurz auf ihre dramaturgische Funktion eingehen: Anders als akute Krankheiten verweisen Prothesen immer auf ein Ereignis in der Vergangenheit, auf eine angeborene oder erworbene Behinderung. Aus diesem Grund sind sie für alle narrativen, besonders aber für die visuellen Künste – Filme oder Fernsehserien – erzähltechnisch besonders attraktiv. Eine Prothese zeigt die Vergangenheit einer Figur, ohne sie in Worte fassen zu müssen. Die Figur kann durch das Artefakt ihre Vergangenheit gewissermaßen mitbringen; sie ist mit einer »Aura des Ungewöhnlichen« umgeben, und im besten Fall wird dadurch die Neugier und Aufmerksamkeit des Zuschauers geweckt.5

Wofür aber steht die prothetische Ergänzung des Körpers – oder umgekehrt, ein Körper, der durch Kunstglieder ersetzt wurde? Verkörpert die Darstellung »die Idee der Ersetzbarkeit«6 überhaupt, ist sie ein »Emblem für die Mechanisierung des Menschen«7? Ist Behinderung mit »Kontamination«, »Heimsuchung« und »moralischer Korruption« assoziiert?8 Sind Prothesen in der Kunst ein »physischer Ausdruck moralischer Verwerfung«9?

Es wäre eine grobe Vereinfachung zu behaupten, Prothesen in den Künsten ließe sich eine eindeutige Bedeutung zuschreiben. Die Romane, Erzählungen, Filme, Serien und Dramen, die im Rahmen des Projektes bisher untersucht wurden, zeigen die Polyvalenz ihrer Metaphorik: Erstens repräsentieren Prothesen als Ergänzungen des Körpers die Unvollständigkeit des Menschen, seine fragmentarische Existenz und die Fragilität menschlicher Beziehungen (z. B. im Roman Slowman von John M. Coetzee oder im Film Amores Perros von Alejandro González Iñárritu, in dem einem erfolgreichen Modell das Bein amputiert wird und zugleich die Illusion einer schönen Scheinwelt zerbricht).Sie erinnern an die Verwundungen körperlicher wie seelischer Art, die einer Figur in der Vergangenheit zugefügt wurden, und markieren ihr Außenseitertum (zum Beispiel in den Fernsehserien Downton Abbey und Boardwalk Empire). Nicht selten stehen die Artefakte aber nicht nur für die psychische Verletzung und soziale Divergenz der Prothesenträger, sondern stellen auch ihre moralische Integrität in Frage: Es gibt genügend Beispiele für den zutiefst bösen Prothesenträger wie z. B. den Piraten Captain Hook in Peter Pan. Der Verlust seiner Hand ist hier nicht nur das Motiv seiner Rachsucht, sondern die eigentlich harmlose Arbeitsprothese wird als ein grausames Mordwerkzeug inszeniert – im Roman ebenso wie in Verfilmungen oder auf Abbildungen (vgl. zwischen Abb. 1 und Abb. 2). Ähnlich verhält es sich mit dem obsessiven Captain Ahab aus Moby Dick.10 Doch moralische Zuschreibungen sind nicht immer derart eindeutig: Die Integrität einer Figur kann auch in Form einer Verkehrung besonders ausgeprägt sein – der Körper ist verwundet, aber die Moralität ist intakt. Oder sie kann, wie besonders bei der Darstellung von versehrten Kriegsheimkehrern, ambivalent sein: Die Opfer von Gewalttaten sind durch ihre Erfahrung verroht und selbst schuldig geworden. Gerade die Kriegsthematik gibt Anlass, anhand der Prothese die Entmenschlichung und Verdinglichung der Soldaten zu zeigen: Mit ihren Ersatzteilen sehen sie nicht nur aus wie »Gespenster« oder »Roboter«, sie wurden im Krieg als Mittel zum Zweck benutzt und sind nun »für den Frieden notdürftig repariert«, wie es in Draußen vor der Tür  von Wolfgang Borchert heißt.11 Das Äußere der Soldaten nimmt die Gestalt dessen an, als was siegebraucht wurden: als menschliche Maschinen.

Das Mechanische im Gegensatz zum organischen, naturwüchsigen Leben kann aber auch im zivilen Kontext Ausdruck einer rigiden gesellschaftlichen Normierung sein, einer Unterdrückung und Fesselung lebendiger Impulse wie zum Beispiel in D. H. Lawrences Lady Chatterly’s Lover. Häufig verbindet sich die Thematisierung von Behinderung oder Verstümmelung auch mit sexueller Frustration, Impotenz und Kastration – zum Beispiel in Ernst Tollers Theaterstück Der deutsche Hinkemann oder Alfred Hitchcocks Thriller Rear Window. Darüber hinaus stehen Prothesen, Masken oder Perücken aber nicht nur für die gewaltsame Zähmung durch Konventionen, sondern auch für eine willkürliche Verstellung, für das Unechte, Falsche und Unauthentische – exemplarisch in Heinrich von Kleists Käthchen von Heilbronn – oder für das romantische Motiv des Unheimlichen wie in E. T.A. Hofmanns Sandmann.

  • 1. Markus Dederich: Körper, Kultur und Behinderung. Eine Einführung in die Disability Studies. Bielefeld 2007 (transcript Verlag), S. 118.
  • 2. Susan Sontag: Krankheit als Metapher. Aids und seine Metaphern. Frankfurt am Main 2003 (Fischer Taschenbuch Verlag).
  • 3. Sontag: Krankheit als Metapher, besonders S. 34–36.
  • 4. Ibid., S. 39.
  • 5. Dederich: Körper, Kultur und Behinderung, S. 108. Vgl. zur dramaturgischen und metaphorischen Funktion von Prothetik und Behinderung in der Literatur: David T. Mitchell and Sharon L. Snyder: Narrative Prosthesis. Disability and the Dependencies of Discourse. Michigan 2000 (Michigan University Press).
  • 6. Dederich: Körper, Kultur und Behinderung, S. 104.
  • 7. Heike Raab: »Riskante Körper. Von Monstern, Freaks, Prothesenkörpern und Cyborgs«, in: Elvira Scheich/ Karen Wagels (Hrsg.): Körper, Raum, Transformation. Gender-Dimensionen von Natur und Materie. Münster 2011 (Westfälisches Dampfboot. Forum Frauen- und Geschlechterforschung, 32), S. 91–121, hier S. 96.
  • 8. Dederich: Körper, Kultur und Behinderung, S. 115.
  • 9. Ibid., S. 88.
  • 10. Vgl. zu »Moby Dick« auch die ausführliche Analyse in: Mitchell/Snyder: Narrative Prosthesis, Kapitel 5.
  • 11. Wolfgang Borchart: Draußen vor der Tür, in: ders.: Das Gesamtwerk. Hamburg 1993 (Rowohlt Verlag), S. 99–165, hier S. 113–114.