Die Be-Dingung der Stimme

Ein Portrait über die Stimmprothese und ihre Alternativen

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Die Stimme ist ein Schnittstellen-Phänomen par excellence. Sie vermittelt zwischen Innen- und Außenraum, Physiologie und Psychologie und ist eines der elementarsten zwischenmenschlichen Ausdrucksmittel. Sie ist eine Schnittstelle zur Welt. Sie ist immer dazwischen, immer flüchtig und nie greifbar. Kann unter diesen Voraussetzungen der Verlust der Stimme durch ein Ding funktional kompensiert werden? Eine Reflexion über die Stimmprothese, die vielen kehlkopf-amputierten Menschen das Sprechen wieder ermöglicht.

Arbeit am ›verborgenen Organ‹ – Eine Geschichte der Sichtbarmachung

Sie ist sehr wahrscheinlich nicht die erste, an die gedacht wird, wenn von Prothesen die Rede ist. Die Stimmprothese bleibt wie das Organ, dessen Funktion sie ersetzen soll, im Verborgenen. Sie ist als Endoprothese nicht sicht-, dafür aber hörbar. Der prekäre Sitz des Kehlkopfs an der sowohl physiologisch verletzlichen, als auch symbolisch relevanten Mittlerstelle Hals, in der alle lebenswichtigen Nerven- und Blutbahnen, Luft- und Speiseröhre und die Wirbelsäule verlaufen, sorgte dafür, dass das Wissen über den Kehlkopf im Vergleich zu anderen Organen lange sehr begrenzt war. Operationen am Schlund galten als besonders grausam und riskant und wurden nur in lebensbedrohlichen Notfällen durchgeführt.

Erst mit der Erfindung des Kehlkopfspiegels Mitte des 19. Jahrhunderts wurde es möglich, einen lebendigen Kehlkopf in Aktion zu sehen. Durch immer ausgefeiltere Laryngoskope konnte schließlich profunderes Wissen über die Anatomie des Sprechapparates gewonnen werden und so gelang 1873 dem Wiener Arzt Bilroth die erste erfolgreiche Kehlkopfamputation. Bis zur Entwicklung der Stimmprothese sollte es noch ein langer Weg sein: 1979 stellten Singer und Blom die erste brauchbare Lösung eines sogenannten Shunt-Ventils vor. Seitdem wurden sowohl die Prothese als auch die sie begleitende Operationstechnik weiter verbessert, aber grundsätzlich nicht verändert. So ist die Stimmprothese heute in Deutschland eine der drei gängigen Strategien, Kehlkopflosen das Sprechen wieder zu ermöglichen.1

Kehlkopflose Stimmen – drei Strategien

Anders als bei Arm- oder Unterschenkelprothesen ist einer sogenannten Stimmprothese, einem Shunt-Ventil, nicht anzusehen, was es ersetzen soll. Ein Grund dafür: Das Ventil ersetzt eben nicht das amputierte Körperteil, d. h. den Kehlkopf, sondern eine seiner drei Hauptfunktionen: Atmen – Essen – Sprechen.2 Der Kehlkopf sorgt normalerweise erstens dafür, dass beim Essen die Luftröhre durch den Kehlkopfdeckel verdeckt und so das Eindringen von Speisen verhindert wird. Um diese lebensnotwendige Trennung zu erhalten, werden bei einer Amputation des Kehlkopfes Speise- und Luftröhre permanent voneinander getrennt: Die Luftröhre endet nicht mehr im Mundraum, sondern in einer künstlich geformten Öffnung im Halsbereich, dem Tracheostoma. Die wird in der Grafik von der Homepage der Kehlkopfoperierten Schweiz gut veranschaulicht (siehe rechte Spalte). Lunge und Mundraum sind so voneinander getrennt und es bedarf einer Strategie, um die dritte Funktion des Kehlkopfes, die Stimmerzeugung, zu kompensieren.

Eine Strategie der kehlkopflosen Stimmerzeugung ist, operativ einen Durchgang von Speiseröhre zur Luftröhre zu schaffen und ein Shunt-Ventil, also eine Stimmprothese einzusetzen. So ist die Lunge wieder an den Mundraum gekoppelt, wenn beim Sprechen das Tracheostoma z. B. mit dem Finger verschlossen wird.

Eine andere Technik ist das Lernen der Ösophagus-Stimme, auch Ruktus-Stimme genannt, bei der die Töne nicht durch Atemluft, sondern mittels geschluckter Luft aus dem Magen geformt werden. Die Worte werden quasi ›gerülpst‹ – eine Technik, die gut trainiert werden muss. Mit einer elektronischen Sprechhilfe, dem Elektro-Larynx, lässt sich ebenfalls verständlich sprechen, wenn auch mit sehr unnatürlicher, roboterhafter Stimme. Das kleine Gerät wird mit der Hand direkt am Hals angesetzt und erzeugt einen Klang, der sich dann mit Zungenrücken und Mund zu Silben modulieren lässt.

Ein Fremdkörper im Hals – Schnittstellenprobleme

Das Einsetzen einer Stimmprothese ist mittlerweile zu einem gängigen Verfahren geworden, das, wie einige Betroffenenverbände kritisieren,3 fast zu selbstverständlich nach einer Amputation des Kehlkopfs durchgeführt wird. Der schnelle Rehabilitationserfolg, die gute Sprachverständlichkeit und die Vorteile einer lungenabhängigen Phonation sprechen für diese Maßnahme. Dementsprechend liegt der Prozentsatz der Stimmprothesenträger_innen heute bei 80% der Laryngektomierten.4 Allerdings lässt sich eine nicht unerhebliche Anzahl der Betroffenen nach einiger Zeit die Prothese wieder entnehmen und entscheidet sich für eine andere Ersatzstimme – zu groß ist der Pflegeaufwand, zu schwerwiegend sind die Komplikationen durch Undichtigkeiten, Pflegeintensität, Bakterien- oder Pilzbefall.5 Die Prothese bleibt ein störanfälliger Fremdkörper mit Schnittstellen-Problemen. Ein weiterer bekannter Nachteil ist, dass zum Sprechen eine Hand gebraucht wird, wenn kein teureres und aufgrund des höheren Anpressdrucks schwieriger zu nutzendes Freihandventil eingesetzt wurde. Dieser Nachteil wiegt vor allem für Personen schwer, die wieder ins Berufsleben6 einsteigen wollen und dafür beide Hände benötigen oder für Menschen, die auf Unterarmgehstützen angewiesen sind.7

Stimmarbeit – Was kann ein Ding leisten?

Die Frage, was die Stimmprothese leisten kann, wird umso spannender, wenn zunächst gefragt wird: Was muss sie kompensieren? Oder anders: Was leistet eigentlich die Stimme? In der Entwicklung der Stimmrehabilitation stand die Verständlichkeit der Sprache immer an erster Stelle. Diese Fokussierung unterstreicht ein in der abendländischen Denktradition verbreitetes Verständnis der Stimme vor allem als Trägerin von sprachlichen Zeichen, bedeutungsvollen Lauten. Das mag nicht überraschen, gehört die verbale Kommunikation für die meisten Menschen unabdingbar zu einer gelungenen Interaktion. Jedoch hat die Stimme darüber hinaus noch wichtige Funktionen: Durch sie übermittelt der_die Tönende an das hörende Umfeld wichtige Informationen, die jedoch hauptsächlich unbewusst rezipiert werden. Im Klang der Stimme stecken Angaben über Alter, Geschlecht, physiologische und emotionale Konstitution. Sie verändert sich je nach gesellschaftlicher Position, anatomischer Reife, passt sich an hormonelle Zustände an8 oder verstellt sich bei Unsicherheit.9

Dieser differenzierte, klangliche Subtext kann durch die Ersatzstimmen, am allerwenigsten wohl durch die monotone elektronische Sprechhilfe, kaum oder in viel begrenzterem Maße ausgedrückt werden. Aber auch affektive Lautäußerungen wie Schreien, Stöhnen oder Ächzen sind nicht mehr in dem Sinne möglich. So beschreibt der bekannte kehlkopflose Theologe Bernhard Häring in seinem Buch »Ich habe deine Tränen gesehen«, in dem er die Erfahrungen seiner Erkrankung beschreibt, eine Situation, in der er vom Klinikpersonal für seine Tapferkeit gelobt wird: »Ja, was hätte ich anderes tun können? Bei meiner Situation als Kehlkopfloser hätte ich gar nicht schreien können auch wenn ich es gewollt hätte.«10

Das veranschaulicht, dass die Stimme weitaus mehr ist als ein verbales und non-verbales Kommunikationsmittel. Sie dient als Reizquelle der Eigen- und Raumwahrnehmung und trägt nicht nur zum Ausdruck, sondern auch zur Erzeugung sowohl eines Selbstverhältnisses als auch eines Verhältnisses zur Umwelt bei: Die Stimme ist stark identitätsbildend. Das komplexe Phänomen des Sich-Sprechen-Hörens, also des Moments, in dem man sich gleichsam als Produzent_in und Rezipient_in eines bedeutungsvollen Klangs wahrnimmt, ist phänomenologisch hochinteressant und wurde von vielen Philosoph_innen zum Gegenstand gemacht.11

Dass ein recht plötzlicher Verlust der gewohnten Stimme von Betroffenen als grausam empfunden wird und laut Umfragen ca. ein Viertel der Betroffenen psychologische Probleme haben,12 lässt sich vielleicht auch auf diesen Umstand zurückführen. Nicht nur (natürlich aber auch) die fehlende Verständigungsmöglichkeit, sondern auch diese Funktion der Selbstreflexion und Identitätsbildung fällt mit einem mal weg oder verändert sich erheblich. Dennoch: Bei all den genannten wichtigen Eigenschaften der Stimme soll nicht der Eindruck entstehen, die Stimme halte das alleinige Privileg zur Bildung und Reflexion des Verhältnisses von Ich, Anderen und Welt. Das wird schon allein in Anbetracht von Gehörlosen augenscheinlich. Aber der Wegfall der Stimme nach jahrzehntelanger Gewöhnung und selbstverständlicher Alltäglichkeit kann als ein besonders traumatisches Setting bezeichnet werden, dessen Kompensation ebenso komplex ist, wie die Töne, die durch eine gesunde Stimme erzeugt werden. Als Beispiel einer kompensatorischen Leistung, die jedoch jenseits aller Prothetik stattfindet, soll nochmals der Theologe Häring gehört werden. Außerstande das Dankesgebet zu sprechen oder gar zu singen, ging er in den Klostergarten: »Ich führte dem lieben Gott und mir selbst einen Tanz vor, um es auch leiblich noch mehr mit meinem Gemüt auszudrücken, daß ich allen Grund habe, unentwegt zu danken.«13 Der Tanz, die Gebärden, Gesten und das Einnehmen von körperlichen Haltungen können ähnliches wie die Stimme leisten.14

Die ganze Welt der Stimm-Dinge – ein immaterielles Phänomen materiell ersetzen?

Geht es nun darum, die Funktion(en) der Stimme durch den Einsatz von Prothesen zu kompensieren, müssen diese Dimensionen über die Wort-Verständlichkeit hinaus mitgedacht werden. Im Fall des Kehlkopfes gibt es ein Ersatzteil, das dem verlorenen Organ möglichst nahe kommen muss. An dieser Kehlkopfprothese wird aktuell in Frankreich, dem Land mit der europaweit größten Kehlkopfkrebsrate, geforscht.15 Bis dieses Verfahren jedoch fundierte Ergebnisse vorweist und auch aus ökonomischer Sicht breit angewendet werden kann, sollte nicht die Prothetisierung des Kehlkopfes, sondern die funktionelle Nachahmung der Stimme im Vordergrund stehen. Dafür kann es aber kein Ersatz-Teil geben, keine Prothese, die das immaterielle Phänomen einfach materiell nachformt, sich mimetisch daran orientiert.

Je nach anatomischen, ökonomischen und technischen Gegebenheiten entfaltet sich vor uns eine Vielzahl von Stimm-Dingen: Dingen, die in irgendeiner Form an der funktionellen Nachahmung der Stimme mitarbeiten. Auch wenn sonst nur das Shunt-Ventil als Stimmprothese bezeichnet wird, soll der Prothesen-Begriff in der folgenden Betrachtung auf alle diese Dinge ausgeweitet werden: Die Trachealkanüle, die die künstliche Öffnung am Hals stabilisiert; den Kehlkopf-Schrittmacher, der bei gelähmten Stimmlippen vor Atemnot schützt; die Schreibtafeln, die bei fehlender Ersatzstimme als Kommunikationshilfe genutzt werden; den Elektro-Larynx samt dem ganzen Zubehör. Diese Dinge treffen auch jenseits medizinischer Pragmatik Aussagen darüber, welcher Aspekt der Funktion der Stimme favorisiert wird. Soll die Wiederherstellung der Kommunikationsmöglichkeiten lieber gut oder schnell erfolgen? Ist eine Rehabilitation erfolgreich, wenn der Betroffene »irgendwie« sprechen kann oder »sozial akzeptabel«?16 Wie wird die jeweilige Ersatzstimme von den Betroffenen und deren Umfeld assoziiert? Welche Faktoren spielen eine Rolle? Diese Fragen behandelte eine Studie der Universität Leipzig, die die Kriterien und Präferenzen von Betroffenen hinsichtlich ihrer Ersatzstimmen-Wahl untersuchte. Diese scheint sowohl an individuelle als auch an kulturelle Vorlieben geknüpft, oder wie es der Bericht der European Study Group on Functional Outcomes after Laryngectomy formuliert: »It may well be that differences in treatment modalities are, therefore, influenced much more by cultural bias … rather than being influenced by research and objective data.«17

So fand der Elektro-Larynx, also die elektronische Sprechhilfe, in Deutschland lange Zeit eine weitaus höhere Verbreitung als in den USA, da dort mit dem technischen Klang des elektronischen Geräts eher negative Assoziationen verknüpft wurden. Über Gründe lässt sich hier nur spekulieren. Eventuell spielt ein positives Technikverständnis, also die in Deutschland eher akzeptierte Vorgehensweise, Problemen mit technischen Geräten zu begegnen, eine Rolle. Im Fall der Vereinigten Staaten, in denen Tabakkonsum als Kehlkopfkrebsverursacher Nr. 1 noch mehr als anderswo mit Unabhängigkeit und Ursprünglichkeit beworben wird, könnte der Elektro-Larynx als Bild für Abhängigkeit, Begrenztheit und Versehrbarkeit des Individuums als Projektionsfläche für Ängste dienen, die sich in einer geminderten Akzeptanz dieser Art Ersatzstimme niederschlägt. Aus der Leipziger Studie geht hervor, dass Kinder den Klang einer »Roboterstimme« noch vor anderen Ersatzstimmen präferieren.18 Hier liegt es nahe, Verbindungen zu Medienrezeption zu ziehen, die Vorliebe mit der Gewöhnung an künstliche Stimmen im medialen Umfeld zu erklären, wie sie bspw. in Comicfilmen zu hören sind.

Ein anderes Beispiel dafür, wie die Wahl der Ersatzstimme als Indiz individueller und kollektiver Haltungen zu Stimme, Körper, Arbeit oder Technik interpretierbar wird, ist das Shunt-Ventil. Einer seiner Haupteinwände ist die Unfreiheit einer Hand beim Sprechen. Das führt dazu, dass in Umfeldern, in denen Hände für das Selbstverständnis eine größere Rolle spielen, das Shunt-Ventil trotz besserer Verständlichkeit oft abgelehnt wird. So besagen Statistiken, dass gerade Arbeiter_innen und Menschen aus Kulturen, in denen die Hände während des Sprechens vermehrt zur Gestikulation genutzt werden, das Shunt-Ventil ablehnen. Hier würde die Einschränkung der Stimme durch die Einschränkung der Hände noch potenziert. Interessanterweise gilt diese Wahrnehmung sowohl für die Betroffenen selbst als auch für das zuhörende Umfeld. Gesellschaft kann mit dieser Perspektive als ein Netzwerk auditiv-vokaler Beziehungen interpretiert werden, das gesellschaftliche Zustände ästhetisch reflektiert und reproduziert. Folgerichtig geht die Studie der Universität Leipzig auch dieser Korrelation nach und untersucht nicht nur die psychosoziale Verfasstheit der Larygektomierten, sondern auch deren soziales Umfeld. Dass immerhin bei einem Fünftel der Angehörigen psychische Erkrankungen, in der Mehrheit Angststörungen, diagnostiziert wurden,19 unterstreicht, dass die Stimme immer als Ausdruck einer Relation zu verstehen ist – sei es die innere Stimme als Ausdruck der Beziehung zu sich selbst oder eben die ge-äußerte Stimme als Ausdruck der Beziehung zu den Anderen.

Ein potentiell zukünftiges Stimm-Ding ist die tragbare Stimme, ein an der Universität Oldenburg angesiedeltes Projekt, das vor einer Kehlkopf-Amputation stehenden Menschen ermöglicht, die eigene Stimme aufzunehmen, um sie quasi digital zu erhalten. Das Konzept verspricht: »Eine etwa dreistündige Stimmaufnahme des Patienten genügt, um ein Sprechprogramm zu erzeugen, das es ermöglicht, sich uneingeschränkt in seiner Stimme auszudrücken.«20 Idee des Projekts ist es, die in der Stimme liegende Individualität der Betroffenen vor der OP zu fixieren um sie dann auf Endgeräten wie Tablet-PCs abspielen zu können. Ob diese Fixierung des präoperativen Zustands dann allerdings noch zur Person passt – denn diese differenzierte Verbindung ist es ja, die die Stimme so individuell macht – ist fraglich. Es bleibt also mit Spannung zu erwarten, ob diese externe Lösung der Stimmrehabilitation auf Akzeptanz stößt.

Mit dem arbeiten, was bleibt – die prothesenlose Ersatzstimme

Spannend wird es, wenn man diese angeführte Ding-Welt mit der Ösophagusstimme kontrastiert, die weitestgehend ohne »Ersatzteil« auskommt. Keine Prothese, sondern ein Umnutzen der körperlichen Gegebenheiten führt zur Rehabilitation. Kein Fremd-Körper wird integriert, sondern der veränderte Körper wird umtrainiert. Diese Idee lässt sich auch im Kontext anderer Behinderungen finden, so z. B. im historischen Fall des Carl Herrmann Unthan, der im Rahmen der Invalidenfürsorge nach dem Ersten Weltkrieg dafür warb, nach dem Armverlust nicht Prothesen, sondern die eigenen Beine und Füße zur Kompensation der verlorenen Fähigkeiten zu nutzen.

Daraus ergeben sich zwei nicht zu unterschätzende Vorteile: Der Wegfall von problematischen Schnittstellen und eine (auch finanzielle) Unabhängigkeit von externen Gegenständen, z. B. Batterien oder neuen Prothesen und deren Verfügbarkeit. Zusammen mit dem Vorteil der Freihändigkeit schafft dies ein Gefühl der Autonomie und Selbstbestimmung: ein Grund, weshalb die Ösophagusstimme die von vielen Betroffenenverbänden präferierte Ersatzstimme darstellt. Dabei darf dennoch nicht vergessen werden, dass auch beim Erlernen der Ösophagusstimme viele Abhängikeiten eine immense Rolle spielen: Individuelle anatomische Faktoren fallen ebenso ins Gewicht wie die Abhängigkeit der Phonation vom emotionalen Erregungsniveau21 und schließlich auch Geduld, Glück oder Talent,22 die Technik zu erlernen.

Die Stimmprothese – ein Mittlerobjekt

Aus phänomenologischer Sicht ist die Stimmprothese als Mittlerobjekt prädestiniert, d. h. als ein Ding, das, selbst frei von Wertung und Urteil, Diskurse durch seine bloße Materialität strukturiert und so ein tieferes Verständnis von den durch das Ding verknüpfte Themenfeldern ermöglicht, oder anders: Das Mittlerobjekt dient als diskursive Schnittstelle.

Die Stimmprothese zeigt sich facettenreich als Mittlerin: Durch ihre Lokalisation an der anatomischen und symbolischen Mittlerstelle Hals als Verbindung von Bauch und Kopf und durch die zu rehabilitierende Stimme. Diese Stimme ver-mittelt zwischen Innen und Außen und über-mittelt Botschaften des Selbst an Andere und Umwelt. Mit den Worten des Stimmphilosophen Mladen Dolar: »Die Stimme lässt sich an der Naht zwischen dem Subjekt und dem Anderen lokalisieren, so wie […] an der Schnittstelle von Körper und Sprache […].«23 Genau an dieser Naht platziert sich die Stimmprothese.

An ihr wird die metaphorische »Sprache der Dinge« wörtlich und so verständlich. Bekannte wie neue Aspekte werden durch sie verdichtet und anders arrangiert. So tritt der bereits in anderen Diskursen zur Prothetik als relevant erkannte Faktor der »Sichtbarkeit« mit der Stimmprothese auf interessante Weise in Erscheinung. Eigentlich ist Kehlkopflosigkeit ein unsichtbares Handicap – zumindest wenn die Halsöffnung verdeckt ist. Erst die Benutzung der Prothese beim Sprechakt, d. h. durch Anlegen des Elektro-Larynx’ oder des Fingers auf das Stoma wird die Behinderung sichtbar. Werden Prothesen und Techniken angewandt, die diesen vermeintlichen Makel der Sichtbarkeit umgehen, wechselt die sinnliche Ebene von der optischen zur akustischen Auffälligkeit – nicht nur durch den Stimmklang, sondern durch das hörbare »Klappgeräusch« beim Sprechen, das durch das Freihandventil verursacht wird.

Dies bedeutet auch, dass Schweigen als Strategie funktionieren kann, sich der Sichtbarkeit und damit eventuell stigmatisierenden Erlebnissen zu entziehen. Ein Teufelskreis – denn durch das Schweigen wird jede doch getätigte Äußerung zur Ausnahme, was die Wahrscheinlichkeit einer Stigmatisierung erhöht, denn: Ein Stigma ist »keine Eigenschaft, sondern eine Relation, es ist eine besondere Art von Beziehung zwischen einer wahrgenommenen Eigenschaft und dem, was als ›normal‹ erwartet wird«.24 

Je normaler sich das Sprechen jedoch anfühlt, je alltäglicher es wird – und interessanterweise hängt die erlebte Stigmatisierung nicht mit der objektiven Sprechverständlichkeit zusammen25 – desto wohler fühlen sich Betroffene und Umfeld. Diese Erkenntnis überrascht kaum und gilt mit Sicherheit nicht nur für Kehlkopflosigkeit, aber hier bietet das Bild den Vorzug der Deutlichkeit: Verliert man die gewohnte Stimme durch medizinische Notwendigkeit, muss die postoperative Stimme nicht nur mechanisch, sondern auch dem Verständnis nach als Vermittlerin der Relationen von Ich, Anderen und Welt erhalten werden. Noch zugespitzter formuliert: Durch die Reflexion über die Stimmprothese wird deutlich: Was hier prothetisiert wird, ist nicht Schallwellenproduktion, sondern die Naht zwischen dem Subjekt und den Anderen. Denn: die Möglichkeit, im sozialen Miteinander verstanden zu werden und sich ausdrücken zu können, ist für die Lebensqualität elementar – ob mit oder ohne Stimme, ob mit oder ohne Prothese.

  • 1. Vgl. Schwarz, Singer, and Meyer, Psychosoziale Rehabilitation Laryngektomierter Karzinompatienten Unter Besonderer Berücksichtigung Der Stimme, 18.
  • 2. Eine weitere wichtige Funktion ist die Ermöglichung der sogenannten Bauchpresse, also des Druckaufbaus im Bauchraum durch verschließen des Kehlkopfdeckels, wie er bei Tragen von Lasten oder beim Stuhlgang benötigt wird.
  • 3. Siehe dazu den Beitrag: »Sie haben immer einen Fremdkörper im Hals«
  • 4. Ronneburger, »Lebensdauer von Provox-II-Stimmprothesen,« 13.
  • 5. Schwarz, Singer, and Meyer, Psychosoziale Rehabilitation Laryngektomierter Karzinompatienten Unter Besonderer Berücksichtigung Der Stimme, 21–23.
  • 6. Die Verknüpfung von Stimmverlust, Stimmrehabilitation und Beruf zeigt sich gleich an mehreren Stellen als ein spannungsgeladenes Feld. Zunächst kann Kehlkopfkrebs als Berufskrankheit entstehen, bspw. durch die langjährige Arbeit mit Lacken oder Asbest. Aussagekräftige Statistiken zum Zusammenhang von fehlendem Arbeitsschutz und industrieller Arbeit im Bergbau oder der Stahlindustrie gibt es leider kaum. Es lässt sich statistisch feststellen, dass gerade Arbeiter_innen im Vergleich zu Selbstständigen oder Angestellten postoperativ mehr Probleme haben, sich wieder beruflich zu rehabilitieren, wobei dies allgemein nur sehr selten gelingt. Das ist vor allem deshalb von Wichtigkeit, da die berufliche Integration einen wichtigen Faktor für das psycho-soziale Wohlbefinden darstellt. Vgl. Ibid., 12.
  • 7. Ibid., 20.
  • 8. Bryant and Haselton, »Vocal Cues of Ovulation in Human Females.«
  • 9. Biophonetische Studien zeigen die Zusammenhänge zwischen der Kehlkopfstellung und aggressivem bzw. defensivem Verhalten. Vgl. Epping-Jäger and Linz, Medien, Stimmen, 72.
  • 10. Häring, Ich Habe Deine Tränen Gesehen, 79.
  • 11. Die Liste ist lang: Interessante Gedanken dazu finden sich bspw. bei Hegel, für den die Stimme Bedingung der Möglichkeit der Erfahrung des Selbstseins ist. Bei Augustinus, Thomas von Aquin, Herder, Schopenhauer, Nietzsche, Heidegger, Derrida finden sich zentrale Gedanken für eine Philosophie der Stimme, die von aktuellen Autor_innen wie Doris Kolesch, Sybille Krämer, Mladen Dolar oder Don Ihde systematisiert und erweitert werden.
  • 12. Schwarz, Singer, and Meyer, Psychosoziale Rehabilitation Laryngektomierter Karzinompatienten Unter Besonderer Berücksichtigung Der Stimme, 99.
  • 13. Häring, Ich Habe Deine Tränen Gesehen, 48.
  • 14. Laut einer Studie konnte sich jedoch kaum ein_e Betroffene_r mit der Gebärdensprache anfreunden. Vgl. Heinz, »Die Menschen Ohne Stimme Verstehen.«
  • 15. »Erste Implantation Eines Künstlichen Kehlkopfs.«
  • 16. Schwarz, Singer, and Meyer, Psychosoziale Rehabilitation Laryngektomierter Karzinompatienten Unter Besonderer Berücksichtigung Der Stimme, 23.
  • 17. Zit. n.: Ibid., 22.
  • 18. Ibid., 23.
  • 19. Vgl. Ibid., 12.
  • 20. Mendel, »Meine Eigene Stimme.«
  • 21. Schwarz, Singer, and Meyer, Psychosoziale Rehabilitation Laryngektomierter Karzinompatienten Unter Besonderer Berücksichtigung Der Stimme, 20.
  • 22. Diese Stelle muss so unkonkret formuliert bleiben, da die Faktoren nicht eindeutig benannt werden können. Siehe dazu auch den Beitreg: »Sie haben immer einen Fremdkörper im Hals«
  • 23. Dolar, His Master’s Voice, 140.
  • 24. E. Goffman zit. n. Schwarz, Singer, and Meyer, Psychosoziale Rehabilitation Laryngektomierter Karzinompatienten Unter Besonderer Berücksichtigung Der Stimme, 29.
  • 25. Vgl. Ibid., 82.