Dingwelten

Schnittstellen

Ein sächsischer Landwirt, der im Zweiten Weltkrieg sein rechtes Bein verloren hatte, legte einen Stelzfuß an, wenn er seiner Arbeit nachging. Die robuste Holzprothese tat viele Jahre ihren Dienst. Wir wissen lediglich von einer einzigen Last, die der Landwirt mit ihr hatte: Der lederne Schaft, der seinen Amputationsstumpf umfing, weitete sich mit der Zeit. Die Prothese saß daher nicht mehr gut. Der Landwirt musste nun zusätzlich Stumpfstrümpfe anziehen, um den zuverlässigen Sitz seines Arbeitsbeins zu sichern.

Körpertechniken

Eine Szene aus einem Stummfilm: Am Rande eines Nadelwaldes stehen fünf Männer nebeneinander. Ihre schlecht sitzenden Uniformen hängen an diesem und jenem herunter wie alte Kittel. Unterhalb ihrer linken Oberschenkel klaffen Freiräume. Bei näherem Hinsehen zeigt sich, dass Schuhe und Schenkel durch Metallgestänge verbunden sind: provisorische Prothesen, die darauf hinweisen, dass die Beine erst kürzlich amputiert worden sind. Die Einbeinigen sind zu einem speziellen Appell angetreten.

Baumeisterin der eigenen Identität

»I am definitely not bionic, I am just as human as everybody else.« Aimee Mullins wurde 1976 in Pennsylvania geboren. Genau wie Oscar Pistorius litt unter fibularer Hemimelie, ihr fehlten von Geburt an beide Wadenbeine. Ihre Eltern entschieden sich nach einem Jahr für eine Amputation der Schenkel unterhalb des Knies. Später sollte Mullins die weltweit ersten Person sein, die auf den so genannten »Cheetah-legs«, den nach Gepardenbeinen modellierten Karbonfaser-Prothesen, laufen wird.  Schon aus diesem Grund ist sie zu einer Gallionsfigur des Behindertensports geworden.

Prothesen für Kinder

Die Idee, Kinder mit Prothesen auszustatten, ist noch jung. Die Prothetik konzentrierte sich bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts auf Erwachsene, denn diese waren aufgrund von Arbeitsunfällen und Kriegsverletzungen häufiger von Amputationen betroffen als Kinder. Allerdings kamen mitunter Kinder mit fehlgebildeten Gliedmaßen zur Welt oder verloren durch Unfälle Arme oder Beine. In der Medizin herrschte jedoch die Meinung vor, Kinder würden Prothesen nicht verwenden und zudem zu rasch aus ihnen herauswachsen.

Geparden-Beine aus Karbon

Spätestens seit den Paralympischen Sommerspielen in London 2012 hat sie jeder einmal gesehen: die j-förmigen Karbonfederprothesen, auf denen ein- und beidseitig beinamputierte Sprinter mittlerweile so schnell laufen wie ihre nicht-behinderten Sprint-Kollegen. Der US-Amerikaner Van Phillips erfand die Sprintprothese vor genau dreißig Jahren. Wie so häufig in der Prothetik war auch in diesem Fall der Entwickler selbst betroffen: In den 70er Jahren erlitt der damals 21-jährige Phillips einen schweren Wasserskiunfall, bei dem er sein linkes Bein oberhalb des Fußgelenkes verlor.

Traumbusen aus Industriesilikon

Vor dreieinhalb Jahren fuhr M. in eine osteuropäische Metropole, um sich dort in einer Klinik die Brüste vergrößern zu lassen. Bereits wenige Monate nach dem Eingriff geriet der französische Hersteller ihrer Silikonimplantate international in die Schlagzeilen: Poly Implant Prothèse (PIP) hatte billiges Industriesilikongel verwendet, das für Brustimplantate nicht zugelassen war. In vielen Fällen waren die Kissen gerissen und hatten Entzündungen verursacht – allein in Frankreich wurden bis Ende 2012 mehr als 1.000 defekte PIP-Implantate gemeldet.

Der »traurige Nutzwert« des Gabelmessers

Die öffentliche Sicht auf die Themen Prothetik und Behinderung ist geprägt durch Medienberichte über paralympische Superathleten, körperbehinderte Models und Cyborgs, die sich von Zukunftsvisionen der 1980er Jahren mittlerweile in unsere Zeitgenossen verwandelt haben. Das vorliegende Objekt, das Gabelmesser, lenkt die Aufmerksamkeit auf einen viel weniger spektakulären Aspekt der Prothetik, nämlich auf die lästige Bewältigung des Alltags.

Homo faber in Höchstform: Prothesen Marke Eigenbau

Was passiert, wenn Menschen versuchen, ihre verlorenen Gliedmaßen selbst zu ersetzen, sich selbst oder den Menschen ihrer unmittelbaren Umgebung neue Gliedmaßen zu basteln? Dieser Prozess des Ent- und Verwerfens, des Anpassens von Dingen an den eigenen Körper, des Arbeitens mit vorhandenem begrenztem Material und Werkzeug, scheint zunächst denkbar weit entfernt von den hochtechnologischen Artefakten der modernen Prothetik. Gerade deshalb, das ist meine Annahme, kristallisieren sich in diesen Prozessen spannende Fragestellungen.

Im Dialog mit provisorischen Dingen

Wie geht man mit Dingen um? Man be-greift sie, man hand-habt sie – man tut es einfach. Wie geht man mit Dingen im geistes- und kulturwissenschaftlichen Diskurs um? Das ist eine viel kompliziertere Frage. Nachdem der vielzitierte material turn in den Kulturwissenschaften den Fokus auf die Dinge und deren Materialität gesetzt und damit für Furore gesorgt hat, bemühen sich die Verteter_innen unterschiedlichster Disziplinen um einen partnerschaftlichen Dialog mit den Dingen.